Montag, 9. März 2015

Andere Menschen

Das Klackern der Hufe beruhigte mich. Eben war ich noch sauer gewesen, auf meine Mutter. Nur, weil sie nicht wollte, dass ich auszog und ich sie „alleine“ ließ.
 Als sie mir das gesagt hatte, hatte ich nur bitter gelacht. Sie? Alleine? War mit einem Lover alleine? Wohl kaum. Dass der Typ der Grund war, warum ich ausziehen wollte, verriet ich ihr nicht, aber ich war mir sicher, dass sie das auch so wusste. Sie hatte noch ein wenig rumgeschrien, wie undankbar und egoistisch ich sei. Meine Frage - „Undankbar? Wofür denn bitte?“ – hatte sie dabei geflissentlich ignoriert. Daraufhin war ich einfach abgehauen. 
Ich war froh, dass sie nicht im Traum daran denken würde, dass ich jetzt Voltigieren ging. Die Neulinge starrten mich an, als ich meiner Leidenschaft nachging und als dann ein kleines Mädchen, das ich auf circa zehn Jahre schätzte, sagte: „Du bist gar nicht dran!“, lachte ich sie einfach nur. „Ich pfeif auf die Trainingszeiten“, ließ ich von mir hören. Sicher war ich mir nicht, aber ich glaubte, Bewunderung in den Augen des Mädchens aufblitzen zu sehen. 
 Meine Mutter wäre wohl nicht stolz auf mich, wenn sie wüsste, welche eigentliche Einstellung ich hatte, sobald ich mein Zuhause verließ. Dass ich eher gleichgültig durch die Gegend lief, war ihr bewusst, aber wie sehr ich dabei über die Stränge schlug, hatte sie bisher nicht erfahren. Was vermutlich auch besser so war. Ich hatte diese Frau wahrscheinlich noch nie besonders stolz gemacht. Allerdings beruhte das auf Gegenseitigkeit. Sie war mir nie ein gutes Vorbild gewesen, das war mir allerdings in der dritten Klasse klargeworden und da war es meiner Meinung nach schon zu spät.

„Wie alt bist du?“, fragte die Kleine und lief mir hinterher. „Siebzehn“, meinte ich nur und legte einen Zahn zu. Ich genoss die Aufmerksamkeit, wollte aber prüfen, wie weit ich es treiben konnte. Mir war bewusst, dass ich oft übertrieb, aber ich wusste, dass ich nicht nur an meiner Schule der „verbotene Schönling“ war. Auch, wenn das in meinen Augen nicht besonders viel Sinn machte. Denn es gab genug, die wesentlich besser aussahen als ich, ich fand, ich war nur Durchschnitt. Oder war ich einfach nur so beliebt, weil ich diese Gleichgültigkeit förmlich schrie? Es war mir egal. Ich hatte mir dieses überhebliche Verhalten auf jeden Fall angewöhnt und wurde es nun nicht mehr los. Egal, Grenzen austesten schadete nie. Das Mädchen lief mir immer noch hinterher. „Hast du eine Freundin?“, war ihre nächste Frage. Ich blieb stehen. „Was?“, erwiderte ich verwirrt. „Ich hab gefragt, ob du ´ne Freundin hast!“, wiederholte sie und wirkte fast ein wenig genervt. Lauthals begann ich zu lachen. „Meinst du nicht, dass du ein wenig zu…jung für mich bist?“ „Wer sagt denn, dass ich deine Freundin werden will, he?“, entgegnete sie frech und ich grinste. „Ach, wer denn dann?“, erkundigte ich mich neugierig und gleichzeitig versuchte ich, dabei cool zu bleiben. „Meine Schwester zum Beispiel“, grinste nun auch die Kleine und drückte mir ein Bild in die Hand. Dann rannte sie davon. Verdutzt sah ich ihr hinterher, kümmerte mich aber dann nicht weiter darum. Ich warf einen Blick auf das Bild und stöhnte. „Oh Gott, bitte nicht!“, murmelte ich, steckte das Bild in die Tasche und kümmerte mich anschließend um das Pferd.
Als ich fertig war und mich gerade auf mein Fahrrad schwingen wollte, fiel das Bild aus meiner Tasche. Ich hob es auf und grinste selbstgefällig, als ich Melina darauf erkannte. Braune Locken, grünblaue Augen, unscheinbar und langweilig. Sie traute sich nicht mal, in meiner Gegenwart den Mund aufzumachen, es wunderte mich also nicht, dass sie ihre kleine Schwester losschickte, damit sie bessere Chancen hatte. Mich beeindruckte das allerdings kein bisschen, es schreckte mich eher ab. Ich zerknüllte das Bild und warf es achtlos auf den Boden. Dann fuhr ich davon.

Je näher ich meinem Zuhause kam, desto angepisster wurde ich, das Voltigieren hatte mich nur für eine Weile beruhigen können. Je angepisster ich wurde, desto weniger achtete ich auf die Verkehrsregeln. Dabei hätte ich schon den einen oder anderen Unfall gebaut, hätte ich nicht so schnell reagiert. 
Dieses Mal sah ich das Auto zu spät. Ich bremste zwar, dabei bockte mein Fahrrad auf und ich hatte das Gefühl, wie in einem Comic über den Lenker zu fliegen. Nur, dass es schmerzhafter war und dass mein Fuß am Lenker hängen blieb und das Auto in mich hinein fuhr. Irgendwas knackte und auch, wenn ich nicht wusste, was es war, war ich mir sicher, dass es an meinem Körper war. Alles tat weh, sodass ich nicht mal mutmaßen konnte, was die Quelle des Knackens war. Der Autofahrer war inzwischen ausgestiegen und rief entsetzt „Gott, Junge, was war das denn?!“, dann zückte er sein Handy und rief einen Krankenwagen.


Ich bekam nicht viel mit, zu sehr konzentrierte ich mich, einfach nur über meine Schmerzen zu jammern, aber als der Arzt fragte „Machst du irgendeinen Sport?“, begann mein Herz zu rasen. „Ja“, sagte ich gedehnt und beinahe ein wenig ängstlich. „Irgendwas, was in Richtung Turnen geht? Denn das wäre das einzige, was du nicht mehr tun könntest, weil…“ Länger hörte ich nicht mehr zu. Ich wollte gar nicht wissen, was genau in mir kaputt gegangen war und mir jetzt das Einzige, das mich wieder runter brachte, wenn ich sauer war, genommen hatte. Ich bekam nur gerade noch mit, dass ich jeden möglichen Sport machen könnte, nur eben nichts „turnerisches“. Wie betäubt schüttelte ich dem Arzt die Hand und ging dann. Ich machte keinen weiteren Termin aus, interessierte mich für keine Physiotherapie. Mir war alles egal, denn ich fühlte mich, als ob man mir mein Herz herausgerissen hatte. 
Kaum war ich draußen, brüllte ich und trat frustriert gegen eine Mülltonne. Und auch, wenn es mir peinlich war, anschließend weinte ich. Zum einen, weil ich nun nichts mehr hatte, das mich ablenkte, zum anderen, weil ich mich schämte und hasste, denn jetzt wusste ich, wie sich die Mädchen – und die drei Schwulen – fühlten, sobald ich sie abwies. Plötzlich wurde mir so übel, dass ich mich einfach mitten auf der Straße übergab. Ich war froh, dass ich niemanden entdeckte.


Als ich Zuhause ankam, begrüßte mich meine Mutter, bevor sie mich sah, mit: „Hat der Herr sich wieder beruhigt?“ Ich antwortete nur „Weiß nicht. Beruhigt man sich, wenn man im Krankenhaus ist, weil man einen Unfall hatte?“, woraufhin sich meine Mutter umdrehte und aufschrie. „Oh Gott“, stammelte sie immer wieder. Ich zuckte nur mit den Schultern. Interessierte es sie überhaupt? „Erzähl mir alles“, meinte sie, während sie die Hände vorm Mund zusammenschlug und sich hinsetzte. „Wie bitte? Nein. Nein, vergiss es.“, antwortete ich entsetzt über ihre plötzliche Fürsorge, die mir verdächtig gespielt vorkam. Vermutlich wollte sie einfach nur ihr Gewissen beruhigen. Jetzt war sie an der Reihe, entsetzt zu sein. Oder entsetzter, als sie bereits zu sein schien. Ich bedachte sie mit einem kurzen Blick, dann ging ich. Während meinem Abgang versuchte ich alles, Schmerzeslaute zu unterdrücken, denn mir tat immer noch alles weh.

Ein paar Tage später war ich immer noch so wütend auf meine Mutter, dass ich beschloss, einfach nicht nach Hause zu kommen. Um mir die Zeit zu vertreiben, entschied ich mich dazu, ein wenig Gegenden zu erkunden, die mir bisher unbekannt waren. Vielleicht konnte ich ja einen Ersatz für’s Voltigieren finden, aber wenn ich ehrlich war, hatte ich diesbezüglich keine großen Hoffnungen.
Mein erster Punkt auf der Liste war einer der Parks, die an meiner Schule als „Penner-Parks“ bekannt waren. Als ich den Park erreichte, setzte ich mich irgendwo unter einen Baum und beobachtete die Menschen. Bei vielen war es nicht unschwer zu erkennen, wer von ihnen von der Straße lebte und wer nicht und ich hatte beinahe Spaß daran, wenn ich daran dachte, wie viel besser ich es doch hatte. Zumindest für einen Moment, denn im nächsten Augenblick schämte ich mich dafür. Irgendwann, es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein, sprach mich ein junger Mann an. „Hey, Kleiner, verpiss dich. Das ist mein Platz, klar?“ Ich sah ihn an und lachte ihn knallhart aus. „Ich war hier vorher, also nerv’ nicht“, meinte ich gleichgültig und sah ihn misstrauisch an, als ich ihn grinsen sah. „Du gefällst mir“, sagte er anschließend und ließ sich neben mir nieder. „Mick“, kam es von ihm, während er mir seine Hand entgegenstreckte. Verdutzt nahm ich sie an und sagte dann: „Äh…Adam“ Mick grinste wieder. „Also, dann, Äh-Adam“, ich verdrehte die Augen, als mir klar wurde, dass das wohl einer von den Leuten war, die sich für besonders lustig hielten, „was machst du hier?“ Interessiert sah er mich. „Hatte vor ein paar Tagen `n Unfall und seitdem fuckt mich alles noch mehr ab als vorher. Und heute hatte ich keinen Bock, nach Hause zu gehen, also bin ich irgendwie hier gelandet“, fasste ich kurz zusammen und während ich dem Obdachlosen ins Gesicht sah, fiel mir auf, wie ausgemergelt, bleich und krank aussah, wie eingefallen sein Gesicht und leer der Ausdruck in seinen Augen war. Ich versuchte, meinen Schock irgendwie zu verbergen. Mick jedoch schien zu bemerken, was in mir vorging. Er lächelte irgendwie nur halb, zog dabei einen Mundwinkel hoch und entblößte ein paar schlechte Zähne, die mich aber nicht wirklich überraschten, immerhin konnte er sich nicht jeden Tag seine Beißerchen putzen. „H“, meinte er locker. „Was?“, fragte ich verwirrt. „Ich nehm’ Heroin“, erklärte der Mann mir. „Oh“, war das einzige, was ich raus brachte. Mick lachte nur. „Ja. Oh. Aber das ist okay so, echt, ich meine, was bleibt einem schon noch, wenn man hier lebt? Genau, Drogen.“ Nachdenklich sah ich ihn an und wieder einmal wurde mir bewusst, wie viel besser ich es hatte. „Wie ist das eigentlich so? Auf der Straße, mein’ ich.“, fragte ich und wurde plötzlich ernst. Mein Gegenüber sah mich nun nicht mehr an, auch entblößte er seine Zähne nicht mehr. Vielmehr sah er nun auf den Boden, rupfte vereinzelt Grashalme heraus, es schien ihm peinlich zu sein. „Du musst nicht…“, setzte ich gerade an, als er mich mit einem „Scheiße. Es ist einfach nur scheiße. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen“ unterbrach und damit schien das Thema für ihn erledigt zu sein. Ich nickte nur. Für eine Weile schwiegen wir, bis ich seinen Magen knurren hörte. „Soll ich dir was zu Essen besorgen? Genug Kohle hab ich. Was willst du?“, war das einzige, was mir einfiel – und mich selbst überraschte. Mick lächelte, diesmal allerdings zahnlos, und sagte: „Danke, Mann, hab seit Tagen nichts Richtiges gegessen. So `ne Pizza wär’ jetzt nicht schlecht“ „Alles klar. Bin gleich wieder da“, antwortete ich und klopfte ihm auf die Schulter.
Als ich fünf Minuten später zurückkam, lag Mick zusammengekrümmt auf dem Boden. Er zitterte, versuchte, sich zu bewegen und an seinem Mund hing ein wenig Schaum. Ich schrie auf und ließ beinahe die Pizza fallen. Schnell, aber dennoch mehr oder weniger vorsichtig, warf ich sie ins Gras und versuchte verzweifelt, ihm irgendwie zu helfen. Hilflos versuchte ich, auf uns aufmerksam zu machen, als plötzlich jemand hinter mir auftauchte. „Der braucht ´n bisschen Stoff, mehr nicht.“, sagte eine Stimme, die wohl zu der Person hinter mir gehörte. Ich drehte mich um und sah einem jungen Mädchen, vielleicht dreiundzwanzig, in die Augen. „Was?“, fragte ich verwirrt. „Der braucht Heroin, Mann. Pass auf, ich geb’ dir ´n bisschen was und du zahlst mir die Kohle, okay?“, meinte sie und auch, wenn mir dieses Dealen – denn dass vor mir eine Dealerin stand, war auch mir klar – nicht gefiel, wollte ich ihm helfen, also machte ich eine Ausnahme und wir tauschten heimlich Geld gegen Droge. „Und jetzt?“, fragte ich hilflos. Das Mädchen lachte. „Junge, du musst noch ´ne Menge lernen, was? Also, eigentlich bräuchte der ´n Druck, aber es muss schnell gehen und wenn du Glück hast, reicht’s, wenn der ´n kleinen Teil schnieft. Ich mach das mal, bevor du das teure Zeug irgendwie ruinierst oder so, am Ende verreckt der arme Kerl dran“, sagte sie dann unbeirrt, nahm mir die Droge wieder aus der Hand und half Mick, das Zeug irgendwie durch seine Nase zu befördern, zumindest vermutete ich das, denn hinsehen wollte ich nicht. Irgendwann tippte mir das Mädchen auf die Schulter. „Fertig. Und jetzt gib’ ihm mal was von der Pizza ab, bevor die kalt wird“, grinste sie und wollte gehen. „Hey, warte!“, rief ich. „Wie heißt du?“, fragte ich, nachdem sie sich umgedreht hatte. „Stella“, sie lächelte. Dann lief sie noch mal zurück, nahm den Pizzakarton hoch, schrieb etwas auf den Deckel, drückte mir das Pappding in die Hand und ging mit einem „Bis dann“. Verwirrt sah ich ihr hinterher. „Danke“, sagte Mick, dem es inzwischen wieder wesentlich besser ging, grinsend und nahm mir die Pizza aus der Hand. Seufzend ließ er sich wieder auf den Boden fallen, riss hastig ein Stück Pizza aus der Schachtel und biss gierig hinein. „Hmm“, machte er, dann sagte er kauend zu mir: „Mann, du hast mir echt den Tag gerettet. Stoff besorgt, Pizza besorgt, Langeweile vertrieben. Hast was gut bei mir.“ Ich sah ihn nur immer noch verwirrt. „Setz dich endlich wieder hin, alles okay, Mann“ Nun war ich an der Reihe, mich seufzend auf den Boden zu setzen. „Was war das?“, fragte ich, nachdem ich ihm ein paar Minuten dabei zugesehen hatte, wie er die Pizza in sich reinstopfte, als hinge sein Leben davon ab. „Turkey“, nuschelte er. „Was?“, fragte ich nach und äffte anschließend grinsend sämtliche Lehrer, die ich je gehabt hatte, nach: „Ich hab dich akustisch nicht verstanden“ Mick grinste zurück, schluckte den Pizzabrei, der vorher in seinem Mund war, hinunter und wiederholte dann: „Turkey. Die Wirkung vom Stoff hat nachgelassen und dann kommt man auf Turkey. Will echt nicht wissen, wie sich ´n Entzug anfühlt“ Die Tatsache, wie gleichgültig er das sagte, machte mir irgendwie Angst. Trotzdem nickte ich nur. Mick biss in ein weiteres Pizzastück – das sechste und das innerhalb von 5 Minuten – und nachdem er auch den Bissen, der aus der Hälfte des Pizzastückes bestand, heruntergeschluckt hatte, grinste er – mir fiel auf, dass er, trotz seines anscheinend beschissenen Lebens viel grinste – und meinte: „Die Kleine war süß. `N bisschen jung für mich, aber zu dir würde sie passen. Was hat sie dir denn auf den Deckel geschrieben?“ Neugierig klappte er den Pizzakarton, nachdem er sich Pizzastück Nummer sieben herausgenommen hatte, zu und pfiff durch die Zähne. „Ihre Nummer. Die ist wohl eine von denen, die nicht lang rumfackeln“ Er lachte. Ich nickte wieder und schwieg weiterhin nachdenklich. „Hey, Kumpel, sag doch mal was“, sagte Mick zwischen zwei Bissen. „Die war höchstens dreiundzwanzig. Warum vertickt die schon Drogen? Ich meine, so alt ist da ja noch nicht und hat“, murmelte ich. „Das ist deine einzige Sorge?“, wunderte Mick sich. „Ich geh fast drauf“, ich war mich nicht sicher, ob man an Entzugserscheinungen sterben konnte, aber ich glaubte ich ihm, einfach, weil er es wohl wissen musste, immerhin war er von uns beiden der Drogenabhängige, „und du wunderst dich, warum ´ne dreiundzwanzigjährige Drogen vertickt? Deine Sorgen hätte ich gern, ehrlich!“, fuhr er kopfschüttelnd fort. Ich brummte nur.
Irgendwann, es dämmerte langsam, stand Mick, mit dem ich mich eine Weile noch über alles Mögliche unterhalten hatte, auf und sagte: „War nett, dich kennengelernt zu haben. Aber ich muss jetzt gehen“, er grinste wieder mal, „und mir mehr Stoff besorgen. Keine Ahnung, ob du es noch mal verkraftest, mich auf Turkey zu sehen. Was auch immer du jetzt vorhast: Viel Spaß dabei“ Dann nickte er mir zu und verschwand, ohne auch nur eine Antwort von mir abzuwarten. Irritiert sah ich ihm hinterher, saß noch ein paar Minuten herum und als es immer dunkler wurde, beschloss ich, wieder nach Hause zu gehen.

Den Pizzakarton nahm ich mit und am nächsten Tag schrieb ich Stella eine Nachricht, „Hey, du hast mir gestern deine Nummer auf meinen Pizzakarton geschrieben und eigentlich wollte ich nur fragen, was du damit bezwecken wolltest. Adam“ Stella schien eine von den Personen zu sein, die schnell antworteten, denn ihre Antwort kam innerhalb von ein paar Minuten: „Hey Adam. Eigentlich dachte ich, wir könnten uns mal treffen?? Stella“ Meine Antwort war kurz und simpel, bestand nur aus einem „Klar gerne“ und schon am selben Tag trafen wir uns. Diesmal war der Treffpunkt allerdings vor dem Park, gegen 20 Uhr.

Als Stella mir entgegen kam, fielen mir viele Dinge auf, die mir am Tag zuvor gar nicht aufgefallen waren. Das Erste, was mir ins Auge stach, war, dass sie unglaublich klein war und ihre Haare ziemlich lang. Mir war nicht ganz klar, warum, aber als mir das auffiel, musste ich lachen und zwar so heftig, dass Stella mich verwirrt mit ihren großen Augen ansah, fragte „Alles okay? Hab ich irgendwo ´n Fleck oder so?“ und hektisch an sich heruntersah und nach vermeintlichen Flecken suchte. „Alles okay. Du hast keinen Fleck. Vergiss es einfach wieder“, winkte ich ab, immer noch breit grinsend. Stella zuckte mit den Schultern. „Na, wenn du meinst.“ Für einen Moment standen wir uns ein wenig verlegen gegenüber, dann sagte sie: „Komm, ich zeig dir mal was.“ „Was denn?“, fragte ich ein wenig beunruhigt, denn immerhin hatte ich sie beim Dealen kennengelernt. „Oh, das verrat ich dir nicht“, lächelte sie verschmitzt. Immer noch ein bisschen misstrauisch folgte ich ihr und als wir schließlich an einer Disco ankamen, war ich beruhigt – bis Stella sich davor stellte und hier und da ein paar Leute ansprach und ihnen immer wieder kleinen Tüten mit Pillen und anderem Zeug gab, während sie unauffällig das Geld, das die Fremden ihr gaben, einsteckte. Irgendwann, als keiner mehr zu ihr kam, fuhr ich sie an: „Sag mal, spinnst du? Du nimmst mich zum Dealen mit!? Du bist höchstens dreiundzwanzig, also noch total jung, fragt da denn keiner nach!?“ Seelenruhig sah sie mir ins Gesicht. „Ich bin neunundzwanzig, Kleiner. Und in dem Geschäft fragt keiner nach dem Alter, sondern nur nach Preis und Ware. Merk dir das.“, meinte sie dann gelassen. Ich starrte sie an. „Neunundzwanzig?“, wiederholte ich ungläubig und Stella nickte. Ich schluckte, dann fing ich mich wieder und fragte: „Wieso hast du mich mitgenommen?“ Stella lachte. „Du hast mit Mick zu tun gehabt, ich dachte, du suchst das Abenteuer und ich war der Meinung, dass Klauen dir zu langweilig geworden ist“, grinste sie. „Abenteuer? Klauen? Langweilig? Wovon redest du bitte!?“, ließ ich entsetzt von mir hören. Stella lachte wieder. „Klar, was denn sonst?“ „Wie kommst du denn darauf?“, fragte ich wieder nach. „Mick war mal einer der gefährlichsten Straßenschläger…?“, erwiderte Stella und plötzlich wirkte sie unsicher. Erstaunt sah ich sie an, dann lachte ich. „Wie bitte? Nie im Leben!“ Stella schüttelte den Kopf. „Doch, das ist wirklich so, frag ihn doch selbst!“ „Na, wenn du das sagst, wird das wohl stimmen“, grinste ich und glaubte ihr kein Wort. Ihre Laune war wohl nicht mehr ganz so gut, sie kickte missmutig ein kleines Steinchen hin und her und ließ den Kopf gesenkt. Plötzlich hob sie den Kopf und ihre Augen leuchteten. „Ich hab ´ne viel bessere Idee!“, rief sie begeistert, packte mich an der Hand und zog mich mit. Wortlos und ohne Widerspruch ließ ich mich mitziehen, während ich, arschlochmäßig, wie ich eben war, daran dachte, dass sie viel älter war als ich und sich trotzdem wie ein kleines Kind benahm. Ich fühlte mich gut, erwachsen, toll – wie sehr ich dieses Gefühl heute schon vermisst hatte.

Ich beobachtete mit immer größeren Unbehagen, wie sich die Gegend änderte. Aus der Gegend, in der die Disco, die noch verhältnismäßig seriös wirkte, wurde ein Ort, der ziemlich verrucht aussah. „Stella, wo zur Hölle sind wir hier?“, schnauzte ich sie an. Sie strahlte mich an. „Bei meiner besten Kundschaft: Auf dem Strich!“ Mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge. „Bitte wo!?“, fragte ich entsetzt. „Auf dem Strich!“, wiederholte sie fröhlich und klang dabei so, als sei dieser Ort der normalste der Welt. An die Stirn tippend wollte ich mich umdrehen und gehen, aber Stella hielt mich fest. „Bleib! Ich will dir jemanden vorstellen!“, quengelte sie und ein selbstgefälliges Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, denn auch, wenn ich jetzt wusste, dass Stella älter war als ich, benahm sie sich definitiv nicht so und war damit so, wie die meisten Mädchen meiner Schule, die für mich schwärmten. Ich war also völlig in meinem Element. „Okay“, gab ich nach. Vor Freude quietschend zog Stella mich hinter ihr her und rief dann irgendwann: „Hope! Hope!“ Verwirrt sah ich mich um und hatte das Gefühl, mir hätte jemand in den Magen geschlagen, als mir eine Prostituierte entgegenkam. Ich riss an Stellas Schulter und zischte: „Bist du bescheuert? Das kannst du vergessen. Nie im Leben schlaf’ ich mit ´ner Prostituierten!“ Stella sah mich verwundert an, dann begann sie zu lachen. „Oh, das war nicht meine Absicht. Ich wollte euch einfach nur bekannt machen. Der Strich allein ist schon ein Abenteuer für sich!“ Erleichtert stieß ich Luft aus, dann wandte ich mich an die junge Frau, die inzwischen zu uns gekommen war. „Hallo, ich bin Adam“, sagte ich, reichte ihr meine Hand und lächelte sie an. Sie lächelte zurück, nahm meine Hand ein wenig verunsichert entgegen und entgegnete knapp und ohne jegliche Emotionen: „Hope“ Während ich die Hand sinken ließ, schnauze Hope Stella an: „Hast du sie eigentlich noch alle? Ich schlafe nicht mit Leuten, die du mir anschleppst!“ Stella aber seufzte einfach nur. „Liebes, ich will doch gar nicht, dass der zum Freier mutiert. Ich wollte ihm einfach nur den Strich zeigen, ich glaube nämlich, dem wird langsam langweilig.“ Hope nickte nur, aber es war deutlich im Licht der Straßenlaterne, unter der wir standen, zu erkennen, dass sie ihr nicht glaubte. „Wie auch immer, ich muss jetzt gehen. Miles wartet.“, murmelte sie, drehte sich um und ging, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen. „Miles?“, fragte ich neugierig. „Ihr Freund. Oder Ex-Freund? Keine Ahnung. Ist so ´ne On-Off-Beziehung.“, Stella zuckte mit den Schultern. Dann fuhr sie fort: „Sag mal, hast du eigentlich ´ne Freundin? Nur so aus reiner Neugierde.“ Ich schüttelte den Kopf. „Was ist mit dir? Hast du ´n Freund?“ Stella winkte ab. „Auch nicht. Aber ´ne Freundin.“ Das überraschte mich so sehr, dass ich einfach nur „Oh“ sagte und in Stella grinsendes Gesicht blickte. Wir schwiegen wieder eine Weile, ein wenig unbeholfen und ratlos, was wir jetzt tun sollten. Meine Begleiterin sah sich immer wieder um, bis sie irgendwann sagte: „Hier kommt auch keiner mehr. Schade, eigentlich ist hier immer ein riesiger Ansturm.“ Ich war entsetzt darüber, wie enttäuscht sie klang. Es machte für mich Sinn, dass sie enttäuscht war, aber dass ihre Enttäuschung so groß war, überraschte und entsetzte mich dann doch. Denn immerhin bedeutete das, dass sie öfter war und wohl mehr als nur ein großes Geschäft machte – und das für sie ganz selbstverständlich zu sein schien.
Wir liefen ein Stück zusammen, bis mir die Gegend wieder bekannt vorkam, dann beschloss ich, nach Hause zu gehen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass bereits nach Mitternacht war. Also verabschiedete ich mich von Stella und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Stella holte mich diesmal ab, was mir ein wenig unangenehm war, denn ich hatte ihr meine Adresse gar nicht gegeben. „Woher…?“, setzte ich an, wurde aber von ihr unterbrochen: „Dealergeheimnis“ Ich seufzte. „Läuft bei dir alles auf’s Dealen raus?“ Stella nickte grinsend: „Klar“. Schnaubend unterdrückte ich ein Lächeln. „Was hast du heute vor?“, wechselte ich dann das Thema. „Heute stelle ich dir Miles vor.“ Für einen Moment überlegte ich, woher mir der Name bekannt vorkam, aber dann fügte sie hinzu: „Hopes Freund“ Ich nickte dankbar für diese Information.

Wir standen wieder auf dem Strich und ich wunderte mich, was ich hier sollte. „Ist Miles auch ´n Stricher?“, rutschte es mir raus. Stella lachte. „Nein. Aber er…besucht Hope oft, vielleicht können wir in diesmal vorher abpassen. Ich glaube, die beiden haben mal wieder…“, meinte sie, brach aber ab, begann wie verrückt zu winken und grinste mich an. Vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber ich war der Meinung, gewisse Parallelen zu Mick zu erkennen. „Miles, wie geht’s?“, begrüßte meine Begleiterin den jungen Mann, der jetzt vor uns stand. Miles brummte nur. „Wer ist das?“, fragte er dann schlecht gelaunt. Geschäftig und aufgeregt strahlte Stella ihn an. „Das ist Adam. Will ´n paar neue Leute kennen…“ „Will ich nicht. Sie zwingt mich“, unterbrach ich sie. Miles lachte, aber ich war mir nicht sicher, ob sein Lachen echt war. „Das kenn ich.“, er grinste, es wirkte fast so, als sei seine Laune besser, doch dann bemerkte ich, wie ein trauriger Schleier seinen Blick trübte, „Ich bin immer noch der Meinung, dass ich Hope ohne Stella gar nicht kennen gelernt hätte.“ „Gott, Miles, hör mir auf damit. Jammern bringt nichts, nur, weil Hope ´ne komplizierte Person ist!“, stöhnte Stella genervt. „Halt die Schnauze, okay?“, erwiderte Miles und klang dabei so deprimiert und demotiviert, dass ich fast Mitleid mit ihm hatte. Plötzlich schien Stella wieder einmal eine Erleuchtung zu haben: „Ich hätte da was für dich.“ Misstrauisch sah Miles sie an. „Happy Pills“, flötete die Dealerin. „Stella, vergiss es. Ich kauf dir nichts ab. Such’ dir ´n anderen Idioten, klar?“, wehrte ihr Gegenüber kopfschüttelnd ab. Enttäuscht blickte Stella ihn mit großen, runden Augen an. Auch, wenn ich sie nicht lange kannte, konnte ich mir denken, was jetzt kam. „Ich glaube, betteln bringt da nichts“, murmelte ich. Miles grinste mich anerkennend an. „Der Kleine ist gut“, nickte er mir zu und klopfte mir auf die Schulter. Dann rief er empört „Stella, lass die Scheiße. Mir Drogen unterzuschieben, macht es nicht besser!“ und machte einen Satz zurück. Stella zuckte schuldbewusst zusammen, dann weiteten sich ihre Augen erschrocken und sie fluchte leise. „Scheiße. Weg hier“, flüsterte sie, meinte dabei wohl eher sich selbst und stürmte davon. Verwirrt blickte ich zu Miles, der nur ebenso verwirrt mit den Schultern zuckte und ich beschloss, Miles stehen zu lassen Stella hinterherzulaufen.

„Verdammt noch mal, bleib doch mal stehen!“, brüllte ich, als wir gefühlte zehn Minuten gerannt waren, inzwischen hatte ich sie eingeholt. „Was ist denn los, Mann?“, keuchte ich, nachdem wir stehen geblieben waren. Ich verzog das Gesicht, ich hatte Seitenstechen. Stella keuchte ebenfalls. Während sie nach Luft rang, sagte sie stockend: „Die Bullen. Wenn die mich mit den Drogen erwischt hätten...“ Sie beendete ihren Satz nicht. Unsicher sah ich sie an, beobachtete, wie sich ihre Pupillen weiteten. Ich fragte mich, ob das an der Angst oder an irgendwelchen Drogen lag. Für einen Augenblick, der mich ziemlich beunruhigte, starrte sie wie gelähmt in die Ferne, dann schien sie sich zusammengerissen zu haben, griff in ihre Taschen und wühlte hektisch darin herum. „Ich scheiß auf die Kohle und verschenk den Dreck jetzt, okay? Machst du mit? Denn, wenn ich ganz ehrlich bin, so viel Angst hatte ich noch nie. Nicht mal bei `nem Horrortrip“, sagte sie dann wild entschlossen. Erleichtert sah ich sie an. „Du willst also mit dem Dealen aufhören?

Ich rannte und wieder einmal zog Stella sich hinter mir her. „Mach schon!“, drängte sie. Also legte ich einen Zahn zu, ließ ihre Hand los und ohne uns abzusprechen begann ein Wettlauf. Nicht gegeneinander. Sondern gegen die Zeit und gegen Stellas Angst. Ich war zwar der Meinung, dass sie sich das einbildete, aber Stella war fest davon überzeugt, dass die Polizei sie verfolgte. Wir stürzten in Richtung des Parks, in dem wir uns das erste Mal getroffen hatten.
„Hey, Steve!“, schrie sie, nachdem sie abgebremst hatte, und hob die Hand, während sie auf einen Mann zulief, der um die 30 war. „Brauchst du ´n bisschen Stoff?“, fragte sie ihn völlig außer Atem. Überrascht sah er sie an. „Klar. Wie viel willst du?“, lautete seine Gegenfrage. „Gar nichts. Ich will keine Kohle, ich will nur, dass du dicht hältst. Du hast das Zeug nicht von mir. Vertick’s ruhig weiter, mir egal was du damit machst, solange du mir versprichst, mich zu leugnen, klar?“ Verwirrt nickte Steve. „Okay…? Muss ich sonst noch was wissen?“ Stella lächelte ihn schief an. „Ja. Dank Adam“, sie deutete mit dem Daumen hinter ihre Schulter, denn ich stand direkt hinter ihr, „steig ich aus. Das war’s. Ich bin keine Dealerin mehr. Tu mir einen Gefallen und kümmer’ dich ein bisschen um Mick, okay? Grüß ihn von mir, ja?“ Steves Augen wurden groß. „Du…hörst auf? Ausgerechnet du, die mal gesagt hat, sie zieht das durch, bis sie eingeknastet wird?“, fragte er ungläubig nach. Sie hingegen nickte feierlich. „Man erzählt viel, aber wenn man dann wirklich beinahe in so eine Situation kommt, scheißt man auf so was, verstehst du? Sei mir nicht böse, aber ich würde das alles am liebsten noch heute hinter mir lassen und deswegen jetzt gerne schon verschwinden.“, lächelte sie bedauernd. Steve nickte nur verständnisvoll. „Okay. Dann…mach’s gut. Vielleicht sehen wir uns ja mal.“ Stella bedachte ihn mit einem kurzen Blick, dann drehte sie sich um und ging. Ihr Abgang überraschte sowohl Steve als auch mich, weswegen ich ihr wie ein Hund hinterher rannte, nachdem ich Steve zögerlich „Viel Erfolg“ gewünscht hatte.

„Danke, Adam“, murmelte sie, als wir vor dem Park standen. Völlig unerwartete umarmte sie mich. Vor lauter Überraschung legte ich ein wenig unbeholfen meine Arme um sie. „Wofür?“, fragte ich schließlich. Sie löste sich ein wenig verlegen von mir. „Wenn ich dich nicht getroffen hätte, hätte ich dich nicht mit zu Miles, beziehungsweise zum Strich, mitgenommen, hätte die Polizei nicht gesehen und würde jetzt immer noch Dealen. Weißt du, als Dealer geht man ein großes Risiko ein und an manchen Tagen ist das echt belastend. Das bin ich jetzt los. Mann, ich bin dir echt dankbar dafür.“ Sie schien sich wieder gefangen zu haben und grinste mich an. „Ich würde dir gerne…“, setzte sie an. „Noch jemanden vorstellen?“, vollendete ihren Satz, „Nein, danke. Ich hab in letzter Zeit genug Leute kennen gelernt. Das reicht mir vorerst.“ Wir grinsten uns an, dann besuchten wir irgendeine Disko. Bevor wir rein gingen, sagte Stella ernst: „Ist echt komisch, mal da rein zu gehen, ohne irgendwelche Drogen in der Tasche, die man verticken will. Danke noch mal, Kleiner.“ Sie berührte meinen Arm, was mir ungewohnt vorkam, dann lächelten wir einander an und betraten den Club.


Mit Stella hatte ich noch eine Menge erlebt, hatte viele weitere Leute kennengelernt, die meiner Meinung nach aber nicht weiter erwähnenswert sind, genau wie alles andere, was ich weiterhin mit ihr erlebt hatte – bis auf die Sache mit Jana. Die Geschichte gehört hier aber nicht hin. Ich bin froh, dass es so passiert ist, wie es passiert ist, denn so hätte ich weder Stella noch andere Leute, denen es wesentlich schlechter als mir geht oder ging, kennengelernt. Und ich wäre wohl immer noch das Arschloch, das ich am Anfang der Geschichte war. 

Hässliche Schönheit

Das Erste, was ihm an ihr auffiel, waren ihre Zähne. Es wirkte fast so, als ob man ihre Zähne wie ein U aneinandergereiht und ihr in den Mund geschoben hätte, als wäre sie ein Boxer und die Zähne ihr Mundschutz. „Für die Zähne hat’s nicht mehr gereicht“, meinte sie und obwohl sie grinste, schien es fast, als ob sie jeden Augenblick losheulen würde. Verwirrt sah er sie an. „Wie meinst du das?“ Sie lachte hell auf und auch, wenn es unglaublich schrill war und beinahe in den Ohren schmerzte, passte es so gut zu ihr, dass es nahezu schön an ihr wirkte. „Denkst du wirklich, dass die“, sie deutete auf ihre Nase, „die“, ihr Finger wanderte zu ihren Lippen, „die“, sie griff sich an die Brüste, „der hier“, ihre Hände strichen über ihren Bauch, „der“, sie zwickte sich in den Hintern, „und das hier“, sie deutete auf ihre Stirn, „echt sind? Ich bitte dich.“ Er schluckte, als ihm klar wurde, was genau ihn an ihr noch gestört hatte – denn ihr Gesicht war nicht mehr das, was es einmal war. Es war voller Gifte, Plastik und anderem, definitiv ungesundem, Zeug. Sie strahlte ihn mit ihren so echten, aber doch so falsch wirkenden, Zähnen an und sagte: „Ich hatte einen guten Chirurgen. Jetzt bin ich schön und lebe so…“, sie machte eine Pause, während sie eine ausschweifende Bewegung machte und dabei auf den Bereich unter der Brücke, der voller alter Decken, Müll und hier und da sogar mit ein paar Heroinspritzen versehen war, „hässlich.“ In ihm stieg Wut auf. „Hör mal, das hier ist einer der sichersten Orten für Penner wie uns. Ich war schon an hässlicheren Orten“, schimpfte er und spuckte verärgert auf den Boden. Angewidert rutschte sie ein wenig weg. „Hässlich ist es trotzdem, vor allem, wenn man vorher unglaublich gut gelebt hat“, erwiderte sie und ihr hochnäsiger Ton widerte ihn an. „Ach“, meinte er verächtlich. „Dann erzähl mal, wie ‚toll’ dein Leben vorher war.“ Sie bedachte ihn mit einem kurzen Blick. „Bevor ich dir irgendwas erzähle…Hi, ich bin Lynn“, sagte sie anschließend und reichte ihm die Hand. „Mick“, erwiderte er und schüttelte lächelnd ihre zarten Hände. Unwillkürlich überlegte er, ob sie überhaupt echt waren.

Teil 1

Lynn stand vor dem Spiegel und wischte sich wütend den Lippenstift weg. Der würde sie auch nicht schöner machen. Wenn sie ehrlich war, ließ er sich nur noch hässlicher aussehen. „Wie ´ne Nutte“, murmelte sie. Frustriert warf sie den Lippenstift auf die kleine Kommode neben dem Spiegel und ging dann, ohne eines weiteren Blickes, an ihm vorbei.

Als sie im Matheunterricht saß, hörte sie, wie die anderen wieder lästerten. Sie konnte nicht verstehen, was genau sie sagten, aber denken konnte sie es sich allemal: Hast du ihre Haare gesehen? Voll eklig!Ja, und ihre Schuhe erst. So ein No-Go!Am schlimmsten sind immer noch ihre Brüste oder was auch immer das darstellen soll. Sie hatte das oft zu hören bekommen und sie hatte auch genauso oft überlegt, einfach den einzigen Trumpf, der ihr bisher überhaupt Freunde beschert hatte, nämlich das viele Geld ihrer Eltern, auszuspielen, aber sie wusste, dass sie dadurch auch keine wahren Freunde bekommen würde und das wollte sie auch nicht. Also blieb sie für alle das hässliche Mädchen mit den durchschnittlichen Eltern und für sie war das vollkommen okay. Denn wenn sie ganz ehrlich war, wollte sie nicht noch einen weiteren Stempel, nämlich die reiche Zicke, die dachte, sie könne alles erlauben und jeden haben, auch, wenn sie unglaublich hässlich war, verpasst bekommen, vor allem, weil es nicht mal wahr gewesen wäre.
Und noch während sie frustriert die anderen flüstern hörte, fasste sie einen Entschluss: Sie würde das Geld ihrer Eltern einsetzen und schön werden.

Zuhause stellte sie sich erneut vor den Spiegel, mit einem Stift und einem kleinen Notizbuch in der Hand, um sich alles aufzuschreiben, was sie wie verändern wollte. Und noch während sie sich auf den Spiegel zu bewegte, wusste sie, dass die Liste lang und ihr Konto irgendwann leer werden würde.
Sie betrachtete ihr Gesicht eingehend, wenn auch mit großer Anstrengung, denn normalerweise tat sie alles, um es sich nur kurz oder möglichst gar nicht anzusehen. Lynn schluckte, als sie ihre Lippen studierte, die für ihren Geschmack zu dünn und zu kurz waren und schrieb es auf. Danach verzog sie ihren Mund zu einem Lächeln und der Anblick ihrer Zähne bereitete ihr Gänsehaut. Das kam als nächstes auf ihre Liste und schon jetzt wusste sie, dass sie das eine Menge kosten würde. Als sie damit fertig war, schenkte sie ihrer knollenartigen Nase, ihren Brüsten, die eher denen einer Elfjährigen und nicht die einer sechzehnjährigen glichen, ihrem kleinen Bäuchlein, ihrem zu großen Hintern und ihrer Stirn, die, zumindest war Lynn fest davon überzeugt, jetzt schon ganz faltig war, ihre ganze Aufmerksamkeit. Eine halbe Stunde später war sie damit fertig, schrieb alles auf und brach anschließend in Tränen aus. Es wunderte sie kein bisschen, dass ihre Klasse so über sie herzog. Sie war kein Mensch, sie war ein Troll. Es schockierte sie, dass das erst jetzt, nach 16 Jahren, zu bemerken schien. Umso erleichterter war sie, dass sie das jetzt ändern konnte. Allerdings wusste sie nicht genau, ob man mit 16 bereits Schönheits-Operationen an sich durchführen lassen durfte, was sie unglaublich ärgerte. Sie überlegte lange hin und her, ob sie die Unterschrift ihrer Eltern oder ihr Alter fälschen sollte, da sie im Internet keine richtige Antwort gefunden hatte. Irgendwann murmelte sie „Scheiß drauf, ich mach mich älter, dann kann ich eh alles machen lassen!“ und fragte sich, warum sie überhaupt so rumüberlegt hatte. Anschließend suchte sie einen geeigneten Chirurgen und rief bei ihm an. „Hallo, ich bin Lynn Müller und ich wollte einen Termin ausmachen.“, sagte sie freundlich und beantwortete die Frage „Wie alt sind Sie denn?“ mit „Achtzehn“. „Okay. Was wollen Sie denn machen lassen?“ Lynn zog die Augenbrauen hoch, denn sie hatte nicht darüber nachgedacht, dass man nicht alles auf einmal machen konnte. Sie warf einen Blick auf ihre Liste und sagte dann: „Die Nase“ Es dauerte eine Weile, aber schon bald hatte sie ihren ersten Termin.
Ein paar Wochen später lag sie bereits auf dem OP-Tisch und auch, wenn sie sich freute, endlich ein wenig schöner sein zu können, war sie unglaublich nervös, dass etwas schief gehen könnte, auch, wenn der Arzt ihr oft genug versichert hatte, dass dem nicht so sei.

In den nächsten Tagen schwollen ihre Wangen, Augenlider und ihre Nase an, sodass es aussah, als wäre sie in eine Schlägerei geraten. Lynn war froh, dass ihre Eltern zu dieser Zeit auf irgendeinem Kongress, der wochenlang andauerte, waren und sie deswegen nichts mitbekamen, zumindest für den Moment.
In der Schule wurde sie dafür bewundert, trotzdem hörte niemand auf, zu lästern, denn hässlich war sie schließlich immer noch. Das änderte sich nicht, nur, weil aus ihrer knolligen Nase eine lange, schmale wurde. Irgendwann sprach Sina, die Beliebteste und Schönste der Klasse, sie auf ihre Nase an: „Haben dir das deine Eltern gezahlt? Also, dass die dir das erlauben, wundert mich nicht, ich meine…egal, aber ich glaub dir nicht, dass ihr so was bezahlen könnt!“ Ihr Ton war so arrogant, dass Lynn ihr am liebsten die Extension aus den Haaren gezogen hätte. „Weißt du, ich hab’s selbst gezahlt. Ich spar mein Geld lieber und geb’ es für sinnvolles aus und nicht für hässliche falsche Haare und überteuerte Markenklamotten“, lächelte sie Sina an und ging dann davon. Ihre neue Nase hatte ihr Selbstbewusstsein ein wenig gesteigert.

Sie trieb das Operationsspiel monatelang, die Termine legte sie immer so, dass ihre Eltern zu dieser nicht da waren und sie wurde immer kreativer, ihre Veränderungen zu verstecken.
Nach der Nase, die sie sich angeblich mit extrem viel Schminke „verschönert“ hatte, ließ sie sich das Fett an Bauch und Po absaugen, ihren Eltern erzählte sie, sie hätte mehr Sport gemacht.
Als ihre Eltern sie auf die Brustvergrößerung ansprachen, nämlich mit einem „Sag mal, was ist eigentlich mit deinen Brüsten passiert?“, antwortete Lynn leichthin: „Ich hab mir kleine Kissen gekauft, wenn ich alt genug bin und mich trotzdem nicht damit abfinden kann, dass sie so klein sind, lass ich sie mir operieren.“ Da wurde ihr Vater plötzlich ernst und sagte stirnrunzelnd: „Nur, weil wir reich sind, musst du nicht gleich zu solchen Mitteln greifen. Andere haben nicht solche Chancen und früher haben die Menschen auch ohne solche OPs überlebt. Ich hoffe doch wirklich, dass du da nur eine Phase durchmachst. Es macht mir ja schon Sorgen, dass du solchen Aufwand um deine Nase und deine Oberweite machst.“ Ihre Mutter, der vermutlichste oberflächlichste Mensch, den Lynn kannte, mischte sich mit einem „Georg, lass das Mädchen doch in Ruhe! Wenn sie sich so schöner fühlt, warum denn bitte nicht?“ ein und legte den Arm beschützend um ihre Tochter. Lynn war zwar erleichtert, dass wenigstens einer der beiden sie bei ihren OPs unterstützen würde, sobald diese aufflogen, gleichzeitig fühlte sie sich verraten, denn hätte nicht jede andere Mutter Dinge wie „Sie ist schön, so wie sie ist, die OPs wären doch völlig sinnlos“ gesagt? Vermutlich. Es machte sie irgendwie wütend, dass ihre Mutter scheinbar so kalt wurde und das nur durch das viele Geld. Sie stand auf, murmelte „Ich muss gehen“ und ging in die Schule, dort wurde sie inzwischen bewundert und beneidet, es war mittlerweile fast allen klar, dass ihre Eltern ein höheres Gehalt hatten als andere. Ihre Lehrer und Mitschüler lächelten sie immer öfter freundlich an, machten ihr Komplimente, anfangs war Lynn regelrecht süchtig danach, irgendwann gewöhnte sie sich daran und anfänglich versuchte sie alles, sich nicht daran zu gewöhnen, da sie wusste, was daraus wurde – ein Mensch, wie ihre Mutter. Oberflächlich. Falsch. Geldgierig. Süchtig nach Komplimenten. Gnadenlos. Und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden, allerdings war sie sich sicher, dass sie niemals so werden würde. Oder redete sie sich das einfach nur ein?

Den nächsten Termin, den sie ausmachte, war für ihre Stirn.
Beim Bezahlen merkte sie, dass das Geld knapp wurde, machte sie aber keine großen Sorgen und redete sich die Sache mit „Demnächst gibt’s wieder Taschengeld“ schön und fühlte sich sofort ein wenig besser.
Ihre Botox-Stirn fiel ihren Eltern glücklicherweise nicht auf und auch nicht, dass sie ihren Eltern für ihre Lippen-Operation Geld stahl.
Lynn fühlte sich unglaublich dreckig und in der ersten Woche nach dem Diebstahl duschte sie länger und öfter, weil sie sich einbildete, dadurch ihr schlechtes Gewissen abwaschen zu können. Immerhin musste ja etwas am Begriff „sich reinwaschen“ etwas Wahres dran sein. Als sie gerade wieder mal duschte, merkte sie, dass das ganze Geschrubbe und Gewasche nichts brachte und letztendlich nur Wasserverschwendung war. Also drehte sie frustriert das Wasser ab, stieg aus der Dusche, wickelte sich in ein Handtuch und lief dann vom Bad in ihr Zimmer, da sie ihre Klamotten dort vergessen hatte. Dabei traf sie auf den Flur auf ihre Mutter, deren Blick irritiert an der Oberweite ihrer Tochter hängen blieb. „Schatz, was ist mit deinen Brüsten los?“ Lynn, die sich bereits so sehr an ihre neue Oberweite gewöhnt hatte, fragte verwirrt zurück: „Was soll damit sein?“ „Na ja, du wirst die ja wohl nicht unter dem Handtuch ausstopfen!“, rief ihre Mutter theatralisch und Lynn wurde schlecht, als ihr bewusst wurde, dass sie aufgeflogen war. Sie schwieg und kämpfte gegen die Tränen an, denn die Lügen und vor allem der Diebstahl hatten sie extrem belastet, auch, wenn sie es bisher gut verdrängt hatte. Der Blick, besorgt und wütend, ihrer Mutter, die wohl begriff, dass Lynn den Eingriff längst hinter sich hatte, ruhte immer noch auf dem Mädchen und ließen es letztendlich zusammenbrechen. Lynn brach in Tränen aus, heulte, jammerte, wimmerte immer wieder, wie leid es ihr tue, wie sehr sie es bereue, auch, wenn sie nicht mal den Hauch von Reue verspürte, und wehrte sich nicht, als ihre Mutter sie in den Arm nahm. Nachdem Lynn sich beruhigt hatte, sagte ihre Mutter: „Jetzt geh erstmal in dein Zimmer und zieh dich an, dann erzählst du mir alles, okay, Schatz?“ Lynn nickte schniefend, dann ging sie und zog sich an. Gerade, als sie fertig war, klopfte es an ihrer Tür und nachdem sie „Herein“ gerufen hatte, trat ihre Mutter ein. Lynn setzte sich aufs Bett und ihre Mutter ließ sich neben ihr nieder. „Also, Liebchen, erzähl mal“, sagte sie ruhig, während sie ihrer Tochter über den Rücken strich, was bei dieser nur erneut Tränen hervorrief. Stockend berichtete sie von den Mädchen, die seit Jahren schon über sie herzogen, davon, dass sie sich schon immer hässlich fand, davon, dass ihr plötzlich die Idee kam, sich operieren zu lassen und das viele Geld ihrer Eltern endlich mal „sinnvoll zu nutzen“. Ihren Bericht versuchte sie stammelnd mit „Mama…es tut mir so leid, aber ich hatte nicht mehr genug Geld und dann…ich…ich…Mama, ich…hab…“ zu schließen, aber ihre Mutter kam ihr sanft aber bestimmt zuvor: „Du hast Geld geklaut, richtig?“ Lynn nickte und biss sich auf die zitternde Unterlippe. Ihre Mutter nickte nur langsam und bedächtig, dann holte sie tief Luft und sagte: „Also, erstmal…Wieso hast du nicht mit uns darüber gesprochen? Wir hätten doch da so vieles einrichten können, das weißt du doch! Und – so leid es mir tut – ich muss mit deinem Vater darüber sprechen, das ist dir hoffentlich klar.“ Diesmal war Lynn an der Reihe zu nicken. „Ja“, sagte sie, wenn auch eher leise und kläglich, es war fast nur noch ein mühevolles Krächzen. „Okay. Dann lass ich dich jetzt mal in Ruhe und rede mit deinem Vater, ja?“, murmelte Lynns Mutter und ging zur Tür. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch mal um, grinste und sagte „Übrigens, du hast dir einen verdammt guten Chirurgen gesucht“ und zwinkerte ihr zu. Lynn zwang sich zu einem Lächeln und war froh, als ihre Mutter endlich weg war.
 Es hatte zwar gut getan, mit jemanden darüber zu reden, trotzdem bereute sie es und beinahe hoffte sie, dass das alles nur ein Traum war.

Dass das alles kein Traum war, wurde ihr klar, als die Tür aufgerissen wurde und ihr Vater mit hochrotem Kopf in ihrem Zimmer stand. „Dass du uns so anlügst, ist das eine. Dass du einfach so irgendwas an dir rumoperieren lässt, geht gar nicht. Aber dass du uns beklaust! Das…das…das ist unglaublich!“, brüllte er. Lynn schluckte. „Ach so, aber dass ihr mich ständig alleine lasst und euch `n Dreck um kümmert, das ist okay oder was?“, brüllte sie zurück. Es war das erste, was ihr einfiel und sie fand, dass das ein gutes Argument war. „Das, meine Liebe, ist was völlig anderes. Wir arbeiten, ganz im Gegensatz zu dir!“, antwortete ihr Vater immer noch lautstark. „Ich geh in die Schule und weißt du, was ich mir alles anhören musste, hä? Ich wäre hässlich, eklig und was weiß ich noch alles. Ich wollte nur einmal in meinem Leben schön sein, aber das raffst du ja nicht, du Spießer!“, schrie sie. Dann stand sie auf und wollte gehen, doch ihr Vater hielt sie fest. „Dageblieben.“, zischte er. Sie versuchte erst, sich zu wehren, ließ es dann aber bleiben, als sie merkte, dass sich der Griff ihres Vaters um ihren Arm eher verstärkte und nicht lockerte. Lynn stellte auf Durchzug und bekam gar nicht mit, was er ihr alles an den Kopf warf. Sie wollte es auch gar nicht wissen, es war ihr egal. Der letzte Teil jedoch rüttelte sie wieder wach: „Raus mit dir. Ich will dich nicht mehr wieder sehen. Mal sehen, ob du auf der Straße auch so gut zurechtkommst. Jetzt, wo du doch ach-so-schön bist. Damit kommst du bestimmt unglaublich weit.“ Sie starrte ihn an, dann sagte sie leise: „Das meinst du nicht ernst“ „Oh doch, das tu ich.“, war die wütende Antwort. Lynns Mutter redete auf ihn ein, während das Mädchen ein paar Dinge zusammenraffte. Lynn selbst war unglaublich wütend, gleichzeitig versuchte sie, sich selbst einzureden, dass es ihr egal war, dass ihr Vater sie raus warf, dass er es sowieso bereuen und sie wieder zurückholen würde, dass er das gar nicht durfte. Gleichzeitig wusste sie, dass dem nicht so war.

Herr Müller hatte sich inzwischen wieder beruhigt, trotzdem ließ er sich nicht davon abbringen, seine Tochter vor die Tür zu setzten. „Sie ist selbst schuld. Lässt die Göre einfach an sich rumpfuschen, belügt und beklaut uns, was denkt sie eigentlich, wer sie ist?“, zeterte er immer wieder und als Lynn aus der Tür und auf die Straße trat, warf er die Tür so heftig zu, dass die Fenster klirrten. Sie schluckte, dann machte sie sich auf den Weg, um einen Ort zu finden, an dem sie die nächsten Nächte verbringen konnte. Sie verfluchte das Wetter, denn jetzt war Oktober und ihr war jetzt schon unheimlich kalt.

Teil 2

Mick rannte, in der Hand den kleinen Beutel mit dem Essen, das ihn einen weiteren Tag am Leben halten sollte. Er hatte unglaublich Hunger und war froh, endlich etwas gefunden zu haben. Er verlangsamte stetig seinen Lauf, irgendwann ging er nur noch. Unterwegs traf er auf Oskar, den er schon kannte, seitdem er die ersten Wochen auf der Straße lebte. Oskar war ungefähr sechzig, zumindest schätzte Mick das, denn der Alte redete nie darüber, genauso wie über die Zeit vor der Straße. „Hey, Oskar, ich hab dir was mitnehmen können!“, rief er und winkte ihm schon weitem zu. Er lief auf die Bank, die Oskar nun schon seit langem „gehörte“ zu und gab ihm zwei Äpfel. „Ich versuch, später noch mehr auftreiben zu können, okay?“, sagte er und ließ sich neben dem Alten nieder. Oskar nickte nur grinsend und biss dann in einen Apfel. „Danke, Junge“, meinte er kauend und klopfte dem 20 Jährigen auf die Schulter. Der kramte ein halbes Brötchen heraus und kaute langsam und genüsslich darauf herum. Es war lange her, dass er ein Brötchen, dass noch so gut schmeckte, geschweige denn generell ein Brötchen oder irgendwas, was einem Brötchen auch nur annähernd ähnelte. Oskar fragte, woher er das Essen hatte, aber Mick lachte nur. „Das fragst du jedes Mal, obwohl du weiß, dass ich dir das nicht beantworten werde!“ Oskar grummelte vor sich hin und Mick unterdrückte ein Grinsen, weil er wusste, dass Oskar bezüglich des Essens fast abhängig von ihm war und irgendwie mochte er das. Gerade, als er sich wieder auf den Weg machen wollte, sauste die Hand vom Alten, der klischeehaft, wie er war, wegen seines mehr oder weniger übermäßigen Alkoholkonsums, doch recht dick war, auf seine Schulter. „Junge, Junge. Wenn du’s mal nicht wieder hier runterschaffst, zweifle ich echt an der Welt“, meinte er eher geistesabwesend und zu sich selbst als zu Mick. Den überraschte das so sehr, dass er aufstand und abwehrend davon stolperte. Solche Situationen mochte er nicht, sie machten ihm Angst.
 Früher war Mick eine Art Straßenkämpfer gewesen, einer der „Härtesten“, zumindest wurde ihm das nachgesagt, Mick selbst lachte darüber nach. Damals war es egal, wo er hinkam, egal, wie alt oder jung, wie lang oder kurz die Obdachlosen schon auf der Straße lebten, irgendwie schienen sie immer ein wenig Angst zu haben. Er wusste nicht, woher dieser Ruf kam, vor allem, da er nur das tat, was andere auch taten: Sich irgendwie durchschlagen. Trotzdem nutzte er diesen großen Respekt gerne aus, denn wer würde das nicht, wenn ein 30 jähriger vor einem 17 jährigen steht und darum bittet, ihm nichts zu tun? Durch diesen Ruf musste Mick immer abweisender werden, was ihm nicht schwer fiel, denn er war noch nie der offenherzlichste Mensch gewesen. Oskar war einer der wenigen Ausnahmen gewesen, den Alten hatte es nie gestört, dass er angeblich mit einem „Brutalo“ zu tun hatte. Er lachte über Micks Ruf genauso laut und oft wie Mick selbst.
Als Mick so abwehrend davon lief erinnerte er sich wieder an diese Zeiten. Ausnahmsweise lachte er nicht darüber, so, wie er es sonst immer tat. Stattdessen war er so verwirrt und gleichzeitig verschreckt von der, seiner Meinung nach, intimen Situation zwischen Oskar und ihm, dass er sich mehrmals verlief und dabei Orte sah, die er sonst aus gutem Grund vermied.

Es war kalt, Micks Decken konnten ihn auch nicht mehr wärmen und er verfluchte sich dafür, dass er beim letzten dumpstern nicht gleichzeitig auch nach ein paar Decken geguckt hatte, die irgendein anderer seiner „Sippe“, wie er oft genug genannt wurde, verloren hatte. Als er an seinen letzten Dumpster-Trip dachte, knurrte ihm der Magen, als vor seinem innere Augen Bilder auftauchten von Essen, das noch gut, teilweise frisch verpackt, in dem Container liegen geblieben war, aber leider nicht mehr in seine Taschen gepasst hatte. Das Dumpstern war einer der Gründe, warum er Oskar nichts von seinen Essensquellen erzählte. Denn Oskar hatte schon oft genug deswegen Ärger mit der Polizei gehabt und nachdem einer von Oskars alten Freunden wegen schlechtem Essen, das er beim Dumpstern mitgenommen hatte, an einer Lebensmittelvergiftung gestorben war, lehnte der Alte Essen „frisch aus dem Container“ ab. Mick fragte sich, wie Oskar wohl reagieren würde, wenn er wüsste, dass er immer noch Essen der Art, die er so sehr ablehnte, zu sich nahm. Vermutlich würde er ihm den Kopf abreißen oder sämtliche Nahrung verweigern. Mick bekam ein schlechtes Gewissen, als er daran dachte, dass es dem Alten vermutlich nicht mal großartig schaden würde, ein bisschen weniger zu essen.
Irgendwann schlief er ein und träumte, wie so oft, von einem besseren Leben, in einem Haus, mit genug zu Essen, ausreichend Decken, ohne Geldsorgen und einer wesentlich geringeren Gefahr, ausgeraubt zu werden. Seit Monaten träumte er von nichts anderem mehr, obwohl er eigentlich längst an das Straßenleben gewöhnt war. Jetzt, wo es Winter wurde, wurde es auch wieder härter. Mick hoffte, dass es nicht schneien würde, denn auch, wenn er Schnee liebte, erschwerte er das Straßenleben um einiges.
Als er aufwachte, regnete es und Mick versuchte, die feuchte Decke einigermaßen trocken zu klopfen und fluchte, als er erfolglos blieb. Er wünschte sich den Sommer zurück, denn dann brauchte man keine Decken und musste keine Angst haben, dass Finger, Zehen oder man als „Gesamtpaket“ erfror. Davor hatte er selbst am meisten Angst. Einfach erfrieren, weil man nicht genug Decken hatte. Mick stellte sich diesen Tod immer unglaublich grausam und langwierig vor. Der Gedanke daran bereitete ihm Gänsehaut und sein Herz begann, schneller zu schlagen, als in ihm erneut die Angst hoch stieg, doch noch zu erfrieren.
 Er schloss die Augen und hatte plötzlich das Gefühl, wieder Sonnenstrahlen auf dem Gesicht zu spüren, dass es wieder wärmer und irgendwie leichter, auf der Straße zu leben, wurde. Das Gefühl hielt allerdings nicht lange an, denn plötzlich traf ihn etwas am Kopf. Verwirrt öffnete er die Augen und bemerkte eine Cola-Dose, die neben ihm am Boden lag. Er war zwar nicht unbedingt ein Mensch, der gut im Beobachten war, dennoch war selbst ihm klar, dass die Metallbüchse ihn am Kopf getroffen und vorher nicht dort gelegen hatte. Irritiert drehte Mick sich im Kreis, bis er ein Lachen über sich hörte. Er richtete seinen Blick nach oben und entdeckte Kim. Kim war ein Punk und transsexuell, Mick wusste nicht mal, ob Kim ein Kerl war oder nicht, aber es störte ihn nicht, denn Kim ging ihm einfach nur die Nerven und er war froh, ihn oder sie schnellst möglichst wieder loszuwerden. „Was willst du?“, rief Mick und er bekam sofort schlechte Laune. Kim grinste ihn nur an und sagte: „Wollte dich nur ärgern. Bis denne!“ Dann ging er einfach davon. Mick war so frustriert und wütend auf diese überflüssige Aktion, dass er nach der Cola-Dose griff und sich gegen die Brückenwand schleuderte. Dort prallte sie ab und fiel scheppernd wieder auf den Boden. Das Geräusch wurde durch die Brücke und dem leeren Raum darunter nur verstärkt. Und obwohl Mick den Lärm hasste, trat er immer die gegen die Dose, kickte sie hin und her, bis das Klackern ihm Kopfschmerzen bereitete. Er wusste nicht genau, was er tun sollte und verfluchte einmal mehr das Straßenleben.
Gedankenverloren lief er durch die Gegend und kam am Park an. Er hoffte, auf Oskar zu treffen, den er allerdings nicht finden konnte. Also setzte er sich auf Oskars Bank, um auf ihn zu warten und beobachtete andere Obdachlose, wie sie mit ihren besten Freunden durch den Park streiften. In Momenten wie diesen hasste Mick seinen ehemaligen Ruf, gefährlich zu sein. Denn niemand wollte etwas mit den Schlägern zu tun haben, zum einen, um Stress zu vermeiden, zum anderen, um später, wenn sich denn jemals die Gelegenheit bot, bessere Chancen im Beruf zu haben. Denn wer verbaute sich schon gerne freiwillig die eigene Zukunft? Mick begann plötzlich zu lachen, als ihm klar wurde, wie einsam und hoffnungslos seine Zukunft aussah, und er wurde mehr als nur einmal von dem ein oder anderen Dealer, die ständig Gras verkaufen wollten, angesehen und angesprochen. Diese wehrte er immer wieder ab und schickte sie weg, nachdem aber einer von ihnen ziemlich hartnäckig blieb, ging er irgendwann, denn ihm wurde auch klar, dass Oskar nicht mehr kommen würde. Er machte sich Sorgen um den Alten, versuchte aber, das Ganze zu verdrängen, denn letztendlich kämpfte hier jeder für sich, ganz egal, wie hilfreich und schön Freundschaften sein mochten, ganz egal, wie oft und sehr Mick sich manchmal einen besten Freund wünschte, er wusste, dass er das nicht lange durchziehen würde.

Mick lief eine ganze Weile durch die Gegend und war dabei so in Gedanken gesunken, dass er stolperte. Fluchend drehte er sich um, denn auch, wenn er im Fall nicht erkannte, was genau es war, wusste er, dass er das Etwas, über das er gestolpert war, eigentlich nicht übersehen konnte, denn es war zu groß, um nicht gesehen zu werden. Als er sah, was dort am Boden lag, ließ er einen kurzen Schreckensschrei von sich und betete inständig, dass er sich irrte. Schnell rannte er um den Körper herum, der sich nicht regte und erkannte schockiert, dass dieser Körper Oskars war. Hektisch kniete er sich nieder, suchte Oskars Puls und verlor bereits die Hoffnung, als er merkte, wie kalt der Alte war. Mick schluckte, als ihm bewusst wurde, dass Oskar tot war. Gerade, als er sich heimlich davon schleichen und die Bilder wieder verdrängen wollte, bemerkte er, dass in Oskars Arm eine Spritze steckte und zwischen den toten Fingern ein Zettel war. Vorsichtig zog er den Zettel hervor und las ihn durch. Vieles war durchgestrichen oder unlesbar, aber das, was Mick entziffern konnte, war, dass Oskar sich bei „seinem guten Jungen“, also ihm, entschuldigte und ihm viel Glück wünschte, von der Straße wegzukommen. Mick zerknüllte den Zettel, presste erst die Lippen aufeinander und kämpfte gegen die Tränen, die in ihm aufstiegen, an, dann schrie er wild durch die Gegend. Er schrie und schrie, bis er das Gefühl hatte, sich heiser geschrien zu haben.

Es überraschte Mick, aber es dauerte tatsächlich drei Wochen, bis er etwas weniger an Oskar dachte. Denn letztendlich war der Alte der einzige Freund, den er gehabt hatte. In diesen drei Wochen traf Mick öfter auf Kim als je zuvor, ließ ihn oder sie aber links liegen, immerhin hat der Zwanzigjährige andere Probleme.
Irgendwann stolperte Mick über ein Mädchen, das völlig verheult und verzweifelt unter einer Brücke saß. Seit Oskars Tod hatte er beschlossen, sich um Leute, die er nicht kannte, mehr zu kümmern, vielleicht fand er dadurch mehr Freunde – oder besser gesagt neue. Darum ließ er sich neben das Mädchen fallen und für eine Weile saßen die beiden nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Ihm war es beinahe peinlich, die Fremde anzusehen, gleichzeitig kam es ihm seltsam vor, einfach tatenlos rumzusitzen. Dennoch tat er nichts und warf erst einen gründlicheren Blick auf sie, als sie sich beruhigt hatte. Nachdem sie ihm kurz und knapp ihren Namen, ihre aktuelle und vorherige Situation verraten hatte, nickte Mick langsam. „Und…jetzt musst du hier bleiben, weil dein Alter kein Plastikpüppchen will?“, fasste er noch mal kurz zusammen, einfach, um ihr zu verdeutlichen, dass er ihrem Vater zustimmte. Lynn, so hatte sich das Mädchen vorgestellt, schnaubte nur, Mick deutete das als Ja. Wieder saßen die beiden schweigend nebeneinander. Nach einer Weile rappelte Mick sich auf und fragte: „Hunger?“ Lynn nickte nur und er grinste, dann griff er ungefragt nach ihrer Hand, zog das Mädchen hoch und anschließend hinter sich her. Der junge Mann ignorierte immer wieder ihre Fragen – „Wo gehst du hin?“, „Was hast du vor?“, „Kannst du mir jetzt mal bitte antworten?!“ – und blieb dann plötzlich abrupt stehen. So abrupt, dass Lynn mit vollem Tempo in ihn hineinrannte. „Pass auf, ich zeig dir jetzt, wie man in dieser Szene an Essen kommt. Du musst aber die Fresse halten, ist nämlich nicht ganz legal, kapiert?“, sagte er dann eindringlich und es war eher ein Befehl als eine Frage. Verunsichert nickte Lynn, die nun ein wenig Angst bekam. Mit rasendem Herzen beobachtete sie ihn dabei, wie er sich zu den Containern schlich, einen von ihnen öffnete, ein wenig darin rumwühlte und dann einige Dinge daraus entnahm. Als er damit fertig war, rannte er davon und kam schlitternd vor Lynn zum Stehen. Keuchend ließ er ein „Renn. Schnell!“ von sich, dann rannte er weiter. Das Mädchen war zwar immer noch verwirrt, aber gleichzeitig so verängstigt, dass sie einfach tat, was Mick von ihr verlangte.

Nach ein paar Minuten, die Lynn wie eine Ewigkeit vorkamen, hielten die beiden an. „Was zur Hölle war das?“, rief sie aufgebracht, Mick hingegen grinste. „Dumpstern.“, dann fügte er ernst hinzu: „Hör mal, Kleine, nur so wirst du hier überleben.“ Lynn schnaubte. „Ich rühr den Müll nicht an“, meinte sie dann verächtlich und fühlte sich gekränkt, als sie Micks Lachen hörte. Noch während sie demonstrativ ein paar Schritte von den geklauten Lebensmitteln machte, biss er genüsslich in einen Apfel. „Hey, komm schon. Das Zeug ist noch frisch. Die werfen das nur wegen weg, weil hier und da ´ne kleine Delle ist oder in ein paar Tage das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das ist trotzdem noch essbar. Und glaub mir, ich ess’ lieber Illegales und riskiere, in den Knast zu wandern, wenn ich oft genug erwischt werde. Wahrscheinlich ist es da sogar besser als hier.“, meinte er anschließend und versuchte, irgendwie tröstend zu klingend. Lynn jedoch ignorierte ihn. Mick kümmerte das nicht besonders, aß deshalb weiterhin seinen Apfel und beobachtete amüsiert, wie Lynn ihn wütend anstarrte. Irgendwann platzte sie heraus: „Wie kannst du diesen…Dreck auch nur anrühren? Das ist ekelhaft und da sind bestimmt ganz irgendwelche Viren drin. Wahrscheinlich verrecken Leute wie du gar nicht an Drogen sondern an so einem Dreck!“ Perplex starrte Mick sie an, dann lachte er nur noch lauter. „Dieser ‚Dreck’, wie du ihn nennst, hält dich am Leben und du gehörst auch zu ‚Leuten wie ich’, meine Liebe. Vergiss das nicht.“ Jetzt war Lynn an der Reihe, ihn anzustarren. „Ich werde niemals zu…euch gehören. Niemals.“ Mick grinste, weil er in Lynn genau die Person erkannte, die er selbst vor Jahren war: Das Verleugnen, dass man nun auch auf der Straße lebte, dass man auch vieles tun würde, das nicht ganz legal war, dass man Nacht für Nacht, Tag für Tag nicht mehr das Leben haben würde, das man hatte und man ein Leben wie dieses niemals komplett hinter sich lassen konnte.
 Oft genug traf Mick auf Leute, mit denen er früher einigermaßen gut ausgekommen war, die jetzt ein scheinbar normales Leben führten. Trotzdem zog es diese Leute immer wieder dort hin, wo sie früher den Großteil ihres Straßenlebens verbracht hatten. Von ein paar hörte er auch, dass sie manche Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Dumpstern, nicht mehr ablegen konnten. Ein Leben wie dieses schien auch das spätere, bessere Leben wohl auf immer zu beeinflussen und irgendwie machte das ihm Angst.
Genau das erzählte Mick ihr, aber Lynn leugnete auch das. „Wenn man sein halbes Leben auf dem Asphalt verbringt, dann vielleicht. Aber ich bin erst seit ein paar Tagen hier. Das ist was anderes.“, meinte sie nur schnippisch. Mick senkte den Kopf, um sein Grinsen zu verstecken, denn ihm kam Lynns Reaktion immer lächerlicher vor. „Was?“, schnauzte das Mädchen. „Hör mal, Plastikpuppe, mit so `ner Einstellung wirst du nicht weit kommen. In ein paar Tagen wirst du verprügelt und mit blauen Flecken und gebrochenen Knochen auf dem Boden liegen. So läuft das hier. Dann war’s das mit deiner ach-so-tollen Schönheit, dein falsches Näschen ist im Eimer und das Geld verschwendet. Ist es dir das wert? Willst du deine gekaufte Schönheit wirklich riskieren?“, versuchte Mick, seiner neuen Bekanntschaft klarzumachen, dass das Leben auf der Straße härter war, als es schien und Schönheit zerbrechlich war – im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man es auf ihre Knochen bezog. Lynn biss sich auf ihre Lippe und kaute so heftig darauf herum, dass Mick für einen Moment Angst hatte, dass die Hyaluronsäure auslaufen könnte. Plötzlich, ohne eine Vorwarnung, drehte Lynn sich um und lief davon. Ihn verwirrte das so sehr, dass einfach nur „Lynn?“ rief, jedoch keine Anstalten machte, ihr hinterherzulaufen. Zumindest, bis er bemerkte, in welche Richtung sie lief. „Scheiße, Lynn, was machst du denn?“, fluchte er lauthals und stürmte ihr hinterher. Er erwischte sie, als sie auf dem Gehsteig balancierte wie ein kleines Kind. „Was zur Hölle tust du da?“, schrie er und packte sie am Arm. Lynn erschreckte sich so sehr, dass sie aufschrie und sich wehrte. Sie versuchte so lange, sich loszureißen, bis Mick aufgab und sie ruckartig losließ. Da Lynn jedoch immer noch mit ihren Arm hin und herschlenkerte, wurde sie nach hinten geschleudert und wäre beinahe angefahren worden, hätte das Auto nicht hupend angehalten. „Scheiße“, fluchte das Mädchen leise und wischte sich verstohlen eine Träne weg, aber Mick sah es trotzdem. Besorgt nahm er sie in den Arm und zog sie gleichzeitig von der Straße weg. „Hey, Kleine. Alles okay. Ich war ein Arsch, ja, aber deswegen musst du doch nicht gleich so ausflippen“, murmelte er beruhigend und fragte sich, warum er eigentlich so Probleme hatte, Freundschaften zu knüpfen, denn wenn er genauer darüber nachdachte, war er doch ziemlich sozial. Lynn bebte und begann, zu weinen und zu schluchzen. Immer wieder wiederholte sie „Scheiße“ und „Wieso?“. Mick hätte am liebsten nachgefragt, dachte aber, er müsse ihr erst ein wenig Zeit geben. Sie würde schon reden, wenn sie reden wollte. Und das tat sie dann auch. Sie erzählte, dass sie unglücklich war, als sie hässlich war und dachte, dass ihre Schönheit, egal, ob sie gekauft war oder nicht, sie glücklicher machen würde und jetzt sei sie hier gelandet, auf der Straße und fast noch unglücklicher. „Ich hab echt keinen Bock mehr, immer enttäuscht zu werden, verstehst du?“, schloss sie und schniefte. Mick nickte langsam und strich ihr, so, wie er es die ganze Zeit getan hatte, beruhigend über den Rücken. „Egal, wie sehr dich das hier ankotzt…Es ist kein Grund, vor ein Auto zu rennen“, murmelte er vor sich hin, wusste aber nicht, ob Lynn ihn hörte. Wieder schwiegen beiden und irgendwann, inzwischen war es schon dunkel, stellte Mick fest, dass sie eingeschlafen war. Er zog seine Jacke aus und schob sie unter ihren Kopf, dann zog er los und suchte ein paar Decken für sich und das Mädchen.
Als er zurückkam, wachte Lynn gerade wieder auf. „Wo warst du?“, brummelte sie verschlafen und verwirrt. „Und wieso ist mir so verdammt kalt?“ „Ich war weg. Hab und hier da ein paar Decken und zwei Schlafsäcke mitgehen lassen, damit uns nicht so ‚verdammt kalt’ ist“, antwortete Mick leise, reichte ihr einen der Schlafsäcke und ein paar Decken. Den Rest behielt er für sich. Anschließend legte er sich neben sie und kurz darauf schliefen beide ein.
Am nächsten Morgen war Lynn weg und Mick brauchte einen Moment, um das zu realisieren. Erschrocken sprang er auf, denn er hatte sie in dieser kurzen Zeit bereits ins Herz geschlossen, auch, wenn ihm das ein wenig missfiel. Das erste, was ihm einfiel, wo sie sein könnte, war die Straße, an der sie gestern so aufgelöst war – und dort fand er sie auch. Wieder balancierte sie zwischen Gehweg und Straße und wieder beunruhigte Mick dieses Bild. Entsetzt brüllte er ihren Namen und irgendwie schien sich das alles zu wiederzuholen: Sie erschreckte sich, stolperte auf die Straße. Der Unterschied war nur der, dass das Auto dieses Mal nicht bremsen konnte und sie erwischte. Mick brüllte wieder ihren Namen, dieses Mal voller Entsetzen.

Als Lynn ihren Namen hörte, fühlte sie sich ertappt und erschreckte, sie stolperte und das einzige, was sie sah, war das Auto, das auf sie zuraste. Alles ging schnell, so schnell, dass sie es nur noch schemenhaft wahrnahm. Wieder hörte sie ihren Namen, aber es war ihr egal. Sie hatte Schmerzen, was kümmerte sie da schon Mick?

Noch Tage später schmerzte ihr ganzes Gesicht und als sie es irgendwann einmal im Spiegel sah, begann sie, zu weinen. Sie hatte auf Krankenwagen verzichtet, war geflohen. Mick hatte sie auch nicht mehr gesehen und bisher auf den Blick in den Spiegel gemieden. Aber als Lynn jetzt die hässliche Fratze sah, wusste sie, dass ihr Handeln falsch gewesen war. Von Anfang an. Die Operationen waren verschwendetes Geld, genauso wie der Streit mit ihren Eltern, die Bekanntschaft zu Mick. Sie beschloss, heimzukehren.
Als sie vor der Tür stand, raste ihr Herz und brach in Tränen aus, als ihr Vater sie mit „Wie siehst du denn aus? Komm rein!“ begrüßte. Verwirrt sah sie ihn an. „Wie bitte? Kein Geschrei? Kein ‚Verschwinde!’?“, schniefte sie. Ihr Vater lachte. „Ich bitte dich. Von deiner falschen Schönheit scheint ja nichts mehr da zu sein“, grinste er und konnte seinen Blick nicht von ihrer Nase wenden. Lynn starrte ihn an. „Wie bitte!?“, wiederholte sie. Dann fing sie sich, lächelte ihn an, während sie daran dachte, was für ein Arschloch ihr Vater doch war und betrat dann das Haus, in dem sie freudig von ihrer Mutter begrüßt wurde.
Sie wusste, sie musste nicht mehr auf der Straße leben. Sie suchte noch oft nach Mick, konnte ihn aber nicht finden.

Mick bekam die Bilder von Lynns Unfall – er hätte Lynn beinahe schon als Freundin bezeichnet – nicht mehr aus dem Kopf und versuchte, sie mit Drogen und Alkohol zu verdrängen. Erfolglos. Irgendwann akzeptierte er es und versuchte, davon loszukommen, denn inzwischen war daraus eine Sucht geworden. Auch daran scheiterte er, mehrmals. Irgendwann gab er auf.
 Sein Dealer fand ihn eines Tages mit einer Überdosis Heroin im Blut und einem Zettel, auf dem „Es tut mir leid, Oskar“ stand.

Schwarzer Kaffee


Klick. Dieses vertraute Geräusch. Klick. Meine Definition von Liebe. Klick. Immer wieder gleich. Klick. Trotzdem fühlte es sich an, als ob es jedes Mal etwas Neues war. Klick. Mit jedem ‚Klick‘ gab es etwas Neues zu entdecken. Klick. Klick. Klick. Ich nahm die Kamera vom Auge, sah mir die Bilder an. Bei einem blieb ich hängen, irgendwas störte mich daran. Ich betrachte es länger als die anderen und stellte fest, dass dort hinten eine Silhouette war, die mir beim Aufnehmen der Bilder gar nicht aufgefallen war. Vielleicht hörte es sich seltsam an, aber ich mochte die Silhouette, mochte das Bild, mochte die Art, wie sie den Sonnenuntergang zu unterbrechen schien, mochte die Art, wie sie auf den anderen Bildern nicht mehr da war, als wäre sie Einbildung oder so was. Manchmal war ich wirklich seltsam, aber es war mir egal, denn von dieser Art Gedanken bekam niemand etwas mit.
Daheim angekommen – es dämmerte bereits - dachte ich noch ein wenig über das Bild nach. Ich wusste nicht, warum, aber das Bild hatte sich in mein Gehirn eingebrannt und ich würde es vielleicht nie wieder vergessen, außer, ich würde irgendwann an Demenz leiden. Als ich im Bett lag, dachte ich immer noch über das Bild nach. Konnte ein Bild so perfekt sein, obwohl es ein verdammter Sonnenuntergang mit irgendeiner bedeutungslosen Silhouette abbildete? Konnte das sein? Konnte es sein, dass man sich ein Bild verlieben konnte? Ich hatte schon oft von Leuten gehört, die ein Bild von einer bestimmten Person sahen und sich in diese verliebten, obwohl es nur ein einfaches Bild war. Aber es war ein Bild mit einem Sonnenuntergang und einem Schatten. Mehr nicht. Ich war schon ein paar Mal verliebt gewesen, harmlose Schwärmereien, aber auch da hatte ich solche Gedanken gehabt.  „Ist es möglich, sich in ein paar Sätze am Telefon zu verlieben?“ oder „Wie kann es sein, dass ich gerade mal seinen Namen und seine Interessen kenne und trotzdem der festen Überzeugung bin, ich werde den Typen mal heiraten?“ waren nur ein paar dieser Gedanken. Es war lächerlich, das wusste ich, aber…hatte ich mich tatsächlich in ein Bild verliebt? Für einen Moment überlegte ich, Milly zu schreiben, sie zu fragen, ob das sein konnte, wusste aber, dass sie nur lachen würde. Ich glaube, ich würde für sie auf immer das kleine, naive, lächerliche Mädchen bleiben, dass älter ist als sie, wenn auch nur ein paar Monate. Also ließ ich es und schlief bald darauf ein.
Am nächsten Morgen war das Bild in meinem Gedanken nicht mehr präsent und ich machte mich auf den Weg, neue Bilder zu machen. Gott sei Dank gibt es Samstage.
Ich stand also dort und lauschte immer wieder dem Klick während ich mich fragte, wie die Welt wohl auf dem Display und nicht durch den Sucher aussah. Wie immer wollte ich mir erst jedes einzelne Bild ansehen, wenn ich der Meinung war, genug Bilder gemacht zu haben und dann auch Bilder, mit deutlich erkennbaren Menschen zu löschen, wer wusste schon, wofür ich die Bilder mal gebrauchen würde, aber dieses Mal stand plötzlich jemand vor mir und sagte: „Hey, darf ich fragen, ob die Bilder gut geworden sind?“ Ich erschrak so sehr, dass mir die Kamera fast aus der Hand rutschte. „Ich…äh…ich wollte die Bilder eh löschen, weil du…äh…Sie…äh…“, stammelte ich, während der Junge, schätzungsweise 17 und ca. 1,80 groß, vor mir sich ungefragt und grinsend vorstellte: „Adam und bitte sag Du, so alt bin ich dann doch nicht. Und warum willst du die Bilder löschen, ich bin mir sicher, sie sind gut geworden.“ Ich starrte ihn an, fasziniert davon, welche Ausstrahlung er hatte und nachdem er mich irritiert ansah, sagte ich schnell: „Na ja, ich will vielleicht mal Profifotografin werden und will eben schon mal üben. Vielleicht brauch ich die Bilder ja mal für irgendwas und aus rein rechtlichen Gründen lösche ich alle Bilder, auf denen Menschen deutlich erkennbar sind…“ Ich wurde langsam leiser, als ich merkte, wie dämlich sich das eigentlich anhörte, aber Adam zog eine Augenbraue hoch und pfiff durch die Zähne. „Profifotografin also. Interessant.“ Ich nickte nur, konnte meinen Blick immer noch nicht von seinen blonden verwuschelten Haaren und den grünen Augen wenden. „Nach welchem Namen muss ich denn dann in den nächsten Jahren Ausschau halten?“, lachte er und sah mich gleichzeitig neugierig an. „Jana. Jana Heidfry.“, antwortete ich, während ich nur eines dachte: Was ist los mit dir? Warum fasziniert dich irgendein Kerl so dermaßen? „Jana“, wiederholte Adam gedehnt, ließ sich meinen Namen auf der Zunge zergehen und unwillkürlich strahlte ich, zumindest innerlich. Äußerlich wirkte ich wahrscheinlich immer noch wie ein besoffenes Lama. Anschließend lächelte er und meine Gedanken überschlugen sich, nichts gab mehr einen Sinn, ich wusste nicht mal mehr, ob meine Gedanken nicht einfach nur sinnlose Aneinanderreihungen von Buchstaben waren, dann sagte er: „Ein hübscher Name. Ich mag ihn.“ Kaum hatte er das gesagt, schien sich meine Angespanntheit, die mir jetzt erst auffiel, in Luft aufzulösen und ich wurde ein bisschen lockerer. „Ja? Ach, ich find‘ ihn ganz okay. Adam ist ein toller Name. Den hört man wenigstens nicht an jeder Straßenecke.“ Adam lachte kurz auf und in meinem Kopf setzte sich sofort ein Bild aus Regenbögen und Frühlingsblumen zusammen. Dann sagte er, mit einer Stimme, die mich an einen goldgelben Honigfluss erinnerte, dass er seinen Namen schrecklich fand, auf die Frage, warum genau, wusste er allerdings keine Antwort. „So was muss man doch wissen“, grinste ich. Adam schwieg kurz, seine Gedanken schienen abzuschweifen, dann sagte er plötzlich abrupt: „Lass uns nicht über Namen reden. Zeig mir die Bilder.“ „Aber ich hab…“, setzte ich an, aber Adam unterbrach mich einfach mit einem bestimmten: „Zeig mir bitte die Bilder“. Irritiert tat ich, was er verlangte und nachdem er alle Bilder, die ich heute gemacht hatte, gesehen hatte, sagte er: „Okay, danke.“ „Bitte…?“, erwiderte ich immer noch irritiert und verunsichert, dann fuhr ich fort: „Und was soll ich damit jetzt machen? Löschen? Soll ich sie dir schicken?“ „Mir egal. Behalt sie. Ich geh dann mal.“, sagte er und plötzlich schien alles Fröhliche, das er vorher hatte, wie weggeblasen und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er. Ich sah ihm nach, fragte mich, was passiert war, schob dann diese Gedanken beiseite und setzte meine Fotografien fort. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, bekam das Bild von Adam nicht mehr aus meinem Kopf. Immer wieder dachte ich an seine Stimme, an sein Lächeln und daran, wie versonnen er ausgesehen hatte, als er gedankenverloren in die Ferne starrte, allein der Gedanke daran ließ mich lächeln und alles in mir schien zu vibrieren vor Freude. Und plötzlich wanderten meine Gedanken wieder zu dem Bild von gestern. Gestern hatte ich angenommen, ich hätte mich in das Bild verliebt. Heute wusste ich, dass da Adam war. Keine Ahnung, warum ich das dachte, aber ich wusste, ich würde ihn wieder sehen. Eines Tages. Auf einmal wurde aus dem „Ich werde vielleicht Profifotografin“ ein „Ich muss unbedingt Profifotografin werden“, weil mir plötzlich klar wurde, dass dies vielleicht die einzige Möglichkeit war, in Adams Erinnerung zu bleiben und das wollte ich. Ich wollte nicht, dass er, ein Junge, den ich kaum kannte, von dem ich nichts wusste, der mich wahrscheinlich nicht mal großartig mochte, sondern mich einfach nur nett fand, mich einfach so vergaß, weil wir uns kurz unterhalten hatten. Jetzt nicht mehr.  Jetzt wollte ich für immer in seiner Erinnerung bleiben. Oder zumindest solange, bis er an Demenz oder zumindest Alzheimer litt, sollte dies jemals zutreffen. Das würde mir vollkommen reichen.

Ein paar Monate später – inzwischen war Juli und ich „trauerte“ Adam immer noch nach, hatte sein Gesicht nicht vergessen, doch die Stimme verblasste immer mehr – betrat ich einen Coffee-Shop, nur, um fast dem Drang wegzulaufen, nachzugeben. Adam stand dort und bediente. Ich atmete einmal kurz tief durch und trat ihm mit zitternden Knien gegenüber. Wie klischeehaft, dachte ich, während ich ihn anlächelte und versuchte, so zu tun, als ob ich ihn nicht wiedererkennen würde. „Jana“, sagte er überrascht. Er erkannte mich also noch. Er…er erkannte mich noch? Scheinbar schien mein Gesicht sich aufzuhellen, während ich auflachte und „Adam, richtig? Ich wusste doch, dass du mir irgendwie bekannt vorkommst!“ erwiderte. Adam bedachte mich kurz wortlos mit einem Lächeln, dann fragte er: „Was kann ich für dich tun?“ Ich bestellte mir einen schwarzen Kaffee und während der Kaffee in den Becher lief, erzählte Adam mir, wie sehr er schwarzen Kaffee liebte. „Wir könnten uns doch mal auf einen schwarzen Kaffee treffen und uns näher kennenlernen“, schlug ich vor, rechnete allerdings mit einer Absage, weil mir, noch während ich es sagte, bewusst wurde, wie dämlich das „uns näher kennenlernen“ klang. „Warum nicht? Eigentlich weiß ich gar nichts über dich“, grinste Adam und mein Herz schien sich zu überschlagen. Nachdem ich meinen Kaffee erhalten hatte, zahlte ich und als Adam mir mein Wechselgeld überreichte, schob er mir noch einen Zettel dazu. Darauf stand seine Nummer, ich steckte sie triumphierend ein, ließ mein Triumphlächeln jedoch erst zu, als Adam mich nicht mehr sehen konnte. Die Leute, die mir auf der Straße begegneten, schienen mich anzustarren, was mir normalerweise peinlich gewesen wäre, doch heute war es mir egal. Was ein einziger Mensch doch mit einem anstellen konnte.
Drei Tage später rief ich bei Adam an, während ich in einem Café saß. „Hey Jana“, sagte er, bevor ich überhaupt ansetzen konnte. „Woher…?“, fing ich an, aber Adam unterbrach mich und teilte mir mit, dass ich die einzige Person sei, deren Nummer er nicht hatte und die seine Nummer hatte. Das wunderte mich und bevor ich überhaupt nachdenken konnte, hatte ich es bereits ausgesprochen. „Warum das?“, lachte Adam sein Regenbogen-Frühlingsblumen-Lachen. „Ich hätte gedacht, du gibst hunderten von Mädchen deine Nummer. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn…“, ich brach ab, als mir klar wurde, was ich sagen wollte, nämlich wenn du nicht nur mich, sondern noch hundert andere dazu gebracht hättest, sich in dich zu verlieben. „Ja…?“, fragte Adam nach, doch ich winkte ab, „Vergiss es. Ist unwichtig.“, und ärgerte mich, als ich ihn leise lachen hörte. „Ich weiß, was du sagen wolltest.“, sagte er anschließend. „Was denn?“, fragte ich und war froh, dass er mich nicht rot anlaufen sehen konnte, während er sagte: „Du wolltest sagen, dass mir die Mädchen hinterher rennen, weil ich so…wie sagt ihr immer… ‚aww‘ bin, richtig?“ Ich lachte und stimmte ihm dann zu. Als Adam „Wusste ich’s doch. Ich verzaubere Mädchen. Warum wollte ich früher eigentlich immer diese seltsamen Zauberkästen haben, wenn ich das auch einfach mit ein bisschen Charme hinkriege?“ von sich gab, konnte ich ihn nicht nur grinsen hören, nein, ich hatte das Gefühl, er würde mir direkt gegenüber sitzen. Plötzlich tutete es in meinem Ohr und ich starrte das Telefon irritiert an, ehe Adams Lachen direkt vor mir war. „Was…?“, fragte ich immer noch irritiert. „Das war wirklich lustig, weißt du, ich stand die ganze Zeit um die Ecke und hab dich durch’s Fenster gegenüber beobachtet – das hat gespiegelt – und dann bin ich einfach reingekommen, als ich gemerkt habe, dass du zwar mit mir geredet, aber nichts draußen oder um dich herum wirklich gesehen hast. Da dachte ich, ich komm einfach rein und überrasch dich“, lachte Adam, ich lief rot an und stellte nebenbei fest, dass er ziemlich oft zu lachen schien. Das gefiel mir. Ich mochte sein goldgelber-Honigfluss-Lachen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und ich erfuhr, dass er 18 – also 2 Jahre älter als ich – war, Psychologie studieren wollte und früher einmal Voltigiert hatte, was er dann aber aufgrund eines Unfalls aufhören musste. „Ich kann an keiner Pferdeweide vorbei gehen, ohne den Drang zu haben, eins zu klauen und wieder zu voltigieren“, sagte er wehmütig und ich prägte mir den Gesichtsausdruck, den er hatte, ein. Plötzlich redete er wieder abrupt, nahezu kalt und ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung. „War es deswegen?“, fragte ich leise. „Wie meinst du das?“, fragte er nach und ich war froh, dass ausnahmsweise mal er irritiert war. „Damals, bei unserer ersten Begegnung. Du hast plötzlich in die Ferne gestarrt und danach wolltest du einfach nur die Bilder sehen. Deine ganze Fröhlichkeit war verschwunden.“, erklärte ich ihm und er nickte: „Ja…Ich hab eine Reiterin gesehen. Das hat Erinnerungen wach gerufen.“ Wieder war er für einen Augenblick abwesend, ehe er sagte: „Na ja. Erzähl mir etwas von dir.“, was ich dann auch tat. Zwischendrin unterbrach er mich einmal und entschuldigte sich, dass er mal müsse. Als er aufstand und ging, beobachtete ich ihn. Er und voltigieren? Niemals. Dafür war er viel zu muskulös. Von ihm hätte ich eher Dinge wie Boxen erwartet und bei dem Gedanken daran, wie sehr man sich doch täuschen konnte, hätte ich fast lauthals losgelacht, aber ich konnte mich noch rechtzeitig beherrschen. Adam kam wieder und ich saß immer noch grinsend da, also fragte er „Was ist so lustig?“, setzte sich und sah mich interessiert an. „Nichts“, sagte ich immer noch breit grinsend. Wir saßen beide eine Weile schweigend da und rührten in unserem schwarzen Kaffee und fast schon bedauerte ich es, dass er nicht mehr nachfragte und ich scheinbar nicht so interessant war, wie ich mich gefühlt hatte, als er mir interessiert zuzuhören schien, als ich ihm von mir erzählte, als er plötzlich das Schweigen zwischen uns mit den Worten „Weißt du, seit unserem ersten Aufeinandertreffen hab ich immer wieder an dich gedacht“ brach und plötzlich verflog das Gefühl der Behaglichkeit, dass ich die ganze Zeit hatte. „Wie…“, ich holte tief Luft, wollte die Frage nicht stellen, wollte die Antwort nicht wissen, „wie meinst du das?“ „Naja…“, fing er an, schien aber zu zögern, „ich habe mich gefragt, ob du noch fotografierst.  Mehr…mehr nicht.“ Dass er log, war nicht nur ihm klar, sondern auch mir, aber ich fragte nicht nach, aus Angst, nicht das zu hören, was ich erhoffte, auch, wenn es falsch und erbärmlich war. „Natürlich.“, lächelte ich. Er nickte, lächelte ebenfalls, wenn auch zögerlich, dann sagte er langsam und, was mich ein wenig überraschte, unsicher: „Okay, dann…ich geh dann, denke ich.“ Ich sah ihn nur an, blickte ihm in die Augen, die, wie mir jetzt erst auffiel, mit goldgelben Sprenkeln versetzt waren, nickte stumm, stand dann langsam auf und während Adam seinen Kaffee bezahlte, kramte ich meine Geldbörse heraus. „Nein, Jana, ich zahl das.“, sagte er und lächelte wieder so selbstbewusst, wie ich es gewohnt war. Also steckte ich mein Geld wieder weg und umarmte Adam spontan. „Danke“, flüsterte ich, obwohl ich gar nicht richtig wusste, was ich meinte. Er strahlte einfach nur weiter und als ich ihn wieder losließ, schien mein ganzer Körper zu brennen. Wir verabschiedeten uns und er ging umgehend aus dem Café, während ich noch einen Moment stehen blieb, warum, wusste ich selbst nicht, aber ich nutze die Zeit, um ihn zu beobachten. Adam holte eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an, dann lief er davon, den Blick auf den Boden gerichtet. Irgendwas daran kam mir vertraut vor, ich wusste allerdings nicht, was.
Als ich nach Hause kam, beschloss ich, die Bilder, die ich bisher gemacht hatte, zu sortieren – oder zumindest damit anzufangen, denn das würde vermutlich eine ganze Woche in Anspruch nehmen. Während ich die Bilder so durchsah, dachte ich an Adam, dachte daran, wie unsicher er geworden war, dachte daran, wie er von seinem Unfall erzählte, dachte daran, wie sein Körper kein bisschen zu dem eines ehemaligen Voltigierers passte, dachte daran, wie er sich eine Zigarette angezündet hatte, dachte daran, wie vertraut mir seine Umrisse vorkamen, als er so in der Abendsonne nach Hause ging. Und genau in diesem Moment kam ich zu dem Bild, das die Silhouette zeigte, welche den Sonnenuntergang zu unterbrechen schien. Da begriff ich, wessen Silhouette das war. Ohne nachzudenken griff ich zum Handy und als angenommen wurde, fragte ich: „Beobachtest du mich? Wenn ja, wie lange, Adam?“
„Warum sollte ich dich beobachten?“, fragte Adam irritiert. „Woher soll ich das denn wissen?“, erwiderte ich und war sauer. „Auf jeden Fall habe ich das nie getan, falls dich das beruhigt.“, sagte er und plötzlich war seine Stimme sanft. Wie Watte und alles, was ich wollte, war, darin zu versinken. Stattdessen riss ich mich zusammen und sagte ruhig „Ja“, aber sicher war ich mir nicht, ob ich ihm glauben sollte. „Aber…“, setzte Adam an und ich schluckte. „Ich habe zufälligerweise das Bild mit dem Sonnenuntergang gesehen und ich mochte es. Ich wusste, dass ich das war und ich hatte gehofft, dass du mit dem Bild irgendwie berühmt wirst…oder so…“, fuhr er fort, ich entspannte mich und strahlte. „Gut, dass das geklärt ist“, sagte ich erleichtert und Adam stimmte mir zu. Wir verabredeten uns für die nächste Woche.
„Einen schwarzen Kaffee bitte“, bestellte ich bei der Bedienung und sah anschließend aus dem Fenster. Wo blieb Adam? Da, ich konnte ihn sehen und er – ich verschluckte mich an meinem Kaffee, als ich sah, dass er ein Mädchen im Arm hielt. Hatte ich mich geirrt? Was, wenn der Satz Weißt du, seit unserem ersten Aufeinandertreffen hab ich immer wieder an dich gedacht gar nicht so gemeint war, wie ich dachte? Was, wenn die „Begründung“, dass er sich gefragt hatte, ob ich noch fotografierte, nicht irgendeine Ausrede war? Was, wenn ich mir nur eingebildet hatte, dass er mir zulächelte, mich mochte? Was, wenn er das einfach bei jedem – oder besser gesagt jeder - tat? Was, wenn er damals als Telefon einfach auf gut Glück meinen Namen genannt hatte? Was, wenn ihm doch hunderte von Mädchen hinter her liefen? Was, wenn er sich endlich für eine entschieden hatte? Oder sich schon längst für sie entschieden hatte? Jahre, bevor wir uns kennenlernten? Was, wenn er die ganze Zeit mit mir geflirtet, mit mir gespielt hatte, nur, um mich auflaufen zu lassen, mich zu blamieren? Hatte er überhaupt mit mir geflirtet und Schrägstrich oder mit mir gespielt? Was, wenn meine dämlichen leicht von Minderwertigkeitskomplexen beeinflussten Gedanken alles übertrieben, sein Verhalten verzerrt – zurechtgezerrt – hatten? Was, wenn er eigentlich total „normal“ oder sogar eher abweisend war, aber mein Kopf sich das alles so „zurechtverändert“ hatte, damit ich mich besser fühlte? Was, wenn er nach unseren Gesprächen anfing, zu lachen, sobald ich außer Sichtweite war, weil ich für ihn nur ein kleines, dummes Mädchen war, das er nur zur reinen Belustigung traf? Was, wenn er die Bilder hässlich fand, vor allem das Sonnenuntergangsbild und sie einfach als schön betitelte, um mich zu ärgern? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, ich bekam Herzrasen, feuchte Hände und als ich Adam lachend mit der Fremden im Arm durch die Tür kommen sah, stand ich auf. „Ich komm gleich wieder, mir…mir geht’s nicht so gut“, sagte ich und lief zur Toilette.
Dort stand ich dann dem Spiegel gegenüber, stützte mich aufs Waschbecken ab, atmete tief durch, starrte in den Spiegel und kam mir vor wie in einem dieser Filme. Ich spritzte mir kurz Wasser ins Gesicht, ehe mich zusammenriss und mit einem Lächeln wieder zu Adam ging. „Hey, Adam“, begrüßte ich ihn und er strahlte mich an. „Das ist Stella“, stellte er mir die Fremde vor. Stella lächelte, reichte mir die Hand und ich zwang mich dazu, ihr nicht eine reinzuhauen. Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Ich warf Adam einen fragenden und Stella einen wohl eher unfreundlichen Blick zu, aber er schien zu verstehen, denn er lachte nur und erklärte: „Stella ist lesbisch, mach dir keine Gedanken. Und“, Freude blitzte in seinen Augen auf, „sie ist Profifotografin. Na, Überraschung gelungen?“ Er grinste mich an, während mir die Kinnlade runterklappte. Ich hätte Stella allerhöchstens auf 25 geschätzt, aber sie war, wie sie erzählte, bereits 30. „Oh“, brachte ich nur raus. Als Stella kurz auf die Toilette ging, wandte ich mich an Adam: „Die Überraschung ist dir tatsächlich gelungen. Und…Danke.“ Adam lächelte mich einfach nur an. „Gern geschehen“, sagte er, nachdem er mich eine Weile mit einem undefinierbaren Blick bedacht hatte und ich lächelte zurück. Da saßen wir also, grinsten uns – wenn auch wahrscheinlich etwas dämlich – an und das kam mir intimer vor als alles andere. Plötzlich wurde dieser Moment von Stella unterbrochen und wieder hätte ich sie am liebsten geschlagen, ganz egal, ob sie Profifotografin war oder nicht.
Stella und ich redeten noch bisschen, unterhielten uns über Fotografien, Motive, ihre Karriere, anschließend gab sie mir ihre Visitenkarte.
 Doch während all dem konnte ich mich nicht zusammenreißen, immer wieder Adam zu beobachten, allerdings hätte ich ein paar Mal beinahe ganz ekelhaft kitschig und pärchenmäßig nach seiner Hand gegriffen, aber in dem Punkt konnte ich mich dann doch beherrschen, wofür ich echt dankbar war.
Stella verabschiedete sich und ließ Adam und mich wieder alleine. Kaum war sie weg, platzte Adam heraus „Gott sei Dank, ich dachte schon, die geht nie!“ und lachte. Ich grinste zurück, völlig hingerissen von seinem Honig-Lachen. Wir schwiegen wieder einmal, beobachteten einander und tranken unseren Kaffee. Irgendwann brach Adam das Schweigen mit einem leisen und zögerlichen „Jana? Ich mag dich“, worauf ich mit einem „Ich dich auch“ antwortete. Adam jedoch fügte ein unsicheres „Nein, ich…ich meine…“, er atmete tief durch, ehe er sich zusammenzureißen schien und sagte: „Jana, ich hab mich in dich verliebt.“ Ich starrte ihn an, teils überrascht, teils glücklich. Er hingegen schien das anders zu deuten, denn als ich nicht reagierte, stand er auf und machte Anstalten, zu gehen. Während er sich umdrehte, zog er bereits seine Kippenschachtel und ein Feuerzeug heraus und irgendwie löste mich das aus meiner Starre. Ich sprang auf, rief „Warte!“ und fügte dann, als Adam mich mit Hoffnung und Angst in seinen Augen ansah, ein leises „Adam“ hinzu. Wenn ich ganz ehrlich bin, wusste ich nicht, warum ich den Drang hatte, seinen Namen auszusprechen, denn es war allen, auch denen, die es mitbekamen, klar, wen ich meinte. Zögernd machte Adam wieder ein paar Schritte auf mich zu und ließ die Zigarette zwischen seinen Fingern hin und her wandern. Ich grinste ihn an und grinste noch breiter, als ich seinen verwirrten Blick bemerkte. „Bist du echt so blind?“ Vor lauter Erleichterung rutschte Adam die Kippe aus der Hand und er lachte: „Und ich dachte schon, ich bilde mir das nur ein!“ Als er sich bückte, um die Zigarette aufzuheben, fing ich seine Hand ab und griff danach. „Pfoten weg.“, kommandierte ich und Adam zuckte lächelnd mit den Schultern. „Okay“, meinte er, dann legte er einen Zehner auf den Tisch und wir verließen das Café.

Die nächsten Wochen verbrachte ich fast nur bei Adam, da er schon alleine wohnte und meine Mutter nur genervt hätte. Wir sprachen über vieles. Über die Schule, über meine Zukunft, über seinen Job. Nur über eines sprachen wir nie: „Adam, wie war das, mit deinem Unfall?“ Er hatte bei dem Thema immer so reagiert, wie er es auch jetzt tat: „Jana, nein. Du weißt, dass ich darüber nicht rede. Das ist Vergangenheit. Ich lasse die Vergangenheit Vergangenheit sein, okay?“ „Aber das zerfrisst dich doch von innen, wenn du nie drüber redest!“, rief ich verzweifelt. „Ich habe oft genug darüber reden müssen, klar? Das Thema nervt nur noch, ich bin immer noch ein Mensch und nicht ein Unfall, der mir meinen Traum genommen hat. Das müsstest du doch am besten wissen!“, schnauzte er mich an und nahm seinen Arm, den er zuvor um mich gelegt hatte, von meiner Schulter. Wütend sprang ich auf. „Wenn ich dich daran erinnern darf, hast du mich anfangs auch nur auf meine Bilder reduziert!“, keifte ich. „Spinnst du?! Nie im Leben hab ich das gemacht, das ergibt doch gar keinen Sinn!“, entgegnete Adam erhitzt. Ich schrie irgendwas, von dem ich selbst nicht wusste, ob es Sinn ergab, ich wusste nicht mal, ob ich es wirklich schrie, denn ich konzentrierte mich mehr darauf, nicht loszuheulen. Ich wollte mich nicht streiten. Nicht mit ihm. Und heulen wollte ich vor ihm erst recht. Adam schrie irgendwas zurück, aber ich bekam es gar nicht richtig mit, das einzige, was ich wirklich merkte, war, wie es mir das Herz zerriss. Ich ertrug das nicht mehr, also stürmte ich wortlos aus seinem Zimmer, raus auf die Straße, nach Hause, wo ich meine Kamera packte und hoffte, dass es mir nach dem Fotografieren ein wenig besser ging.
Klick. Klick. Meine Definition von Liebe. Klick. Klick. Klick. Die einzige Liebe, die mich wohl niemals verlassen würde. Diese Liebe konnte mich nicht verletzen. Niemals. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Mich schüttelte ein neuer Tränenfluss, als ich Adams wutverzerrtes Gesicht vor meinem inneren Auge sah und ich begann zu beben. Verzweifelt versuchte ich mit ein paar weiteren Bildern – Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. – dagegen anzukämpfen. Ich drängte die Tränen zurück, verfluchte Adam dafür, dass er mich irgendwie weicher gemacht hatte, denn ich war mir sicher, dass mir das früher nicht passiert wäre, und starrte auf das Kameradisplay. Die Bilder waren unglaublich verwackelt, aber irgendwie mochte ich es. Nachdem ich gefühlte fünfhundert Bilder gemacht hatte, beschloss ich, nach Hause zu fahren und als ich mich umdrehte, um zu gehen, rannte ich in Adam hinein. Dieser umarmte mich sofort und murmelte irgendwas in meine Haare, vermutlich eine Entschuldigung oder Erklärung. Aber ich war immer noch sauer, also stieß ich ihn von mir und war überrascht, wie viel Kraft ich hatte. „Nein, Adam.“, sagte ich nur, während ich ihm abweisend in die Augen sah und dann davonlief. Er rief mir verzweifelt und verwirrt hinterher, aber ich ignorierte ihn.
Abends lag ich im Bett, fühlte mich alleine und war nicht mehr auf Adam wütend, sondern auf mich. Warum war ich eigentlich so stur? Adam hatte mich ja immerhin verzeihen können, warum konnte ich das nicht auch? Ich stand auf, frustriert, dass ich nicht schlafen konnte. Hätte ich jemals gewusst, dass Liebe, oder was auch immer das zwischen uns war, denn vielleicht war es ja auch einfach nur Verliebt sein, auf diese Art von Schlaflosigkeit bedeutete, hätte ich mich von Adam ferngehalten.
Die nächsten Tage ging ich Adam aus dem Weg, weil ich mich irgendwie verraten fühlte. Ich wollte ja eigentlich nur wissen, was genau bei dem Unfall passiert war und warum er deswegen nicht mehr Voltigieren konnte, mehr nicht. Nichts, was einem Therapiegespräch oder einem Kreuzverhör nahe kam. Und gerade das verschwieg er mir. In dieser Adam freien Zeit  dachte ich immer mehr darüber nach und darüber, ob ich das überhaupt wollte. Eine Beziehung, in der er mir nur minimal von etwas so wichtigem in seinem Leben verschwieg, ganz egal, ob für ihn „Vergangenheit Vergangenheit“ war oder nicht. Denn ich sah das anders. Manche Dinge konnte man abhaken, die erste Klasse zum Beispiel. Aber so etwas lebensveränderndes? Nein. Niemals. Und je mehr und öfter ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir, dass ich nicht aufhören würde, ihn damit zu nerven, dass er anfangen würde, rum zu schreien, dass wir uns nur noch streiten würden. Es war mir jetzt schon peinlich, nur daran zu denken, dass meine erste Beziehung nach so kurzer Zeit schon wieder enden würde, weil mir klar war, was ich, wäre es nicht meine Beziehung und die Situation mir unbekannt, denken würde: „Das war eh nur ´ne Kindergartenbeziehung!“ Aber das war es nicht, da war ich mir sicher. Es passte nur nicht, ganz egal, wie toll Adam sein mochte. Ich wusste nicht, ob dieses „Lass uns Freunde“-Ding bei uns funktionieren würde, aber vielleicht konnte man es ja mal ausprobieren, soweit es für ihn auch okay war.
Nachdem ich mich zwei Wochen nicht bei ihm gemeldet hatte, fuhr ich entschlossen zu ihm. Ich war nervös, als ich vor seiner Tür stand und klingelte, aber aus der Nervosität wurde Verwirrung, als Stella die Tür öffnete. „Hi“, sagte sie ein wenig betreten und ebenso verwirrt. „Komm…doch rein“, fügte sie dann ein wenig zögernd und unsicher hinzu. Ich stürmte an ihr vorbei und zu Adam. „Sicher, dass sie auf Frauen steht?“, fragte ich nach. Alles lief aus dem Ruder, ich wollte das nicht mal sagen. Adam starrte mich fast schon freudig an. „Ja“, sagte Stella hinter mir und ich nickte. „Okay. Dann wär’ das ja mal geklärt“, sagte ich, denn eigentlich hatte ich mir das selbst gedacht und in Gedanken eine gescheuert. Ich wendete mich an Stella: „Würdest du bitte mal rausgehen?“ Stella verzog sich leise und ich setzte mich neben Adam auf sein Bett. „Adam“, fing ich ruhig und zögernd an. „Lass mich raten: Du machst Schluss?“ Verwirrt sah ich ihn an. „Woher…?“, setzte ich an, wurde aber von ihm unterbrochen. „Es endet immer so. Seit dem Unfall gehen alle meine Beziehungen daran kaputt. Ich hatte gehofft, dass das bei uns anders werden würde, ich habe wirklich daran geglaubt, weil…du bist irgendwie anders, Jana. Für mich bist du besonders, weißt du?“
 Ich hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Es kam mir alles so unreal vor. Du bist anders, du bist besonders. Ich war durchschnittlich, es war okay für mich, es störte mich nicht. Ich kam mir vor ein Buch- oder Filmcharakter als er das sagte.
„Ich denke, ich bin deine erste Freundin…?“, fragte ich verwirrt. „Die erste, die ich auch als richtige Freundin bezeichnen würde. Bei den anderen bin ich mir nicht sicher, ob das nicht doch nur irgendsowas unreifes war. Deswegen musst du bleiben, bitte.“, erklärte er. „Nein, Adam. Lass es. Ich hab viel darüber nachgedacht. Ich meine,…ich will wirklich Schluss machen, ja, aber nur, weil ich weder mich selbst noch dich verletzen will, weißt du? Und ich weiß nicht, ob dieses „Lass uns Freunde bleiben“-Dinge wirklich klappt, aber ich wäre bereit, es zu probieren. Was hältst du davon?“, antwortete ich abwehrend. Adam schluckte, dann nickte er. „Okay. Ich würd’s versuchen.“ Wir schwiegen beide kurz betreten und gerade, als ich mich verabschieden wollte, merkte ich, dass er lächelte. „Was ist?“, fragte ich verwundert. „Ich hatte recht. Du bist doch irgendwie anders und besonders. Alle anderen haben den Kontakt komplett abgebrochen. Du nicht. Du bleibst trotzdem.“ Ich lächelte zurück. „Ja. Ich mag dieses abrupte Kontaktabbrechen nicht“, sagte ich, einfach, weil ich es nicht bei diesem leeren Ja belassen wollte. Adam nickte schweigend, dann verabschiedeten wir uns voneinander.


Ich hätte die Geschichte zwischen Adam und mir natürlich vorher einfach beenden können. Nicht im Sinne von Schluss machen, sondern im Sinne vom Erzählen. Ich hätte erzählen können, wie wir ein Paar wurden und einfach diese Zeit detailreicher erzählen können, aber zugegeben, ich weiß nicht, ob mir das nicht irgendwie ein wenig zu privat wäre. Davon abgesehen läuft das im echten Leben nicht so. Die allerwenigsten heiraten den Freund oder die Freundin ihrer ersten Beziehung, die gehen ja doch nur in die Brüche. Und das wollte ich erzählen und klarmachen. In den Filmen endet das ganze meistens mit einem Kuss, in Büchern auch oft genug. Aber ich wollte es anders machen, mich irgendwie hervorheben.
Ich habe übrigens mit Stella eine Art Probeshooting gemacht, dabei haben wir festgestellt, dass wir beide völlig verschiedene Arten von Fotografien mögen, deswegen hat auch das nicht hingehauen. Aber das ist okay für mich. Ich muss nicht berühmt werden. Ich bin Adams erste richtige Freundin, ich bin die erste, die nicht gleich den Kontakt abgebrochen hat, ich werde immer in seiner Erinnerung bleiben. Und das fühlt sich unglaublich gut an. Ich lasse die Zukunft auch mich zukommen und auch das ist gut so. Ich würde sagen, ich bin glücklich.